Wichtige Fragen und Antworten zur Kampagne

Dieses Dokument kontextualisiert unsere Bemühungen und ist der Versuch, ein möglichst gesundes, ehrliches und konstruktives Engagement zu gewährleisten - genau wie bei jedem physischen Raum, den wir zusammen halten würden. Angesichts des gemeinschaftlichen, sich anpassenden und ständig verändernden Kontextes unserer Arbeit ist dies ein lebendiges Dokument.

Inhalt

  • Was meint Ihr mit Kolonialismus – ist das nicht eine Sache der Vergangenheit?
  • Rechenschaftspflicht, was bedeutet das für euch?
  • Warum dieser Kampagnenname?
  • Was ist eurer Meinung nach "Natur"?
  • Warum macht ihr das hier, wäre es nicht besser, stattdessen einfach BiPoC zu unterstützen?
  • Die Texte auf der Website sind ziemlich komplex und für Menschen ohne akademischen Hintergrund nicht so leicht zugänglich. Was ist eure Position zu Barrierefreiheit/Klassismus/Behindertenfeindlichkeit?
  • Wie sehr euer Dekolonialisierungsprozess in den Gemeinschaften aus?
  • Welchen Bezug hat diese Kampagne zu den Forderungen und Prinzipien von XR?

Was meint Ihr mit Kolonialismus – ist das nicht eine Sache der Vergangenheit?

Ja und nein.

Ja: Wir beschäftigen uns in dieser Kampagne vor allem mit dem europäischen Kolonialismus und seinen Ausprägungen etwa seit dem 16. Jahrhundert. Einen solchen Ausgangspunkt zu setzen, ist nicht unproblematisch, da er nur einen begrenzten Rahmen des Verständnisses bietet. Einige haben beispielsweise hervorgehoben, dass die frühen europäischen Pilgerfahrten und Kreuzzüge bereits Akte des Kolonialismus darstellten.

Einerseits kann Kolonialismus als ein übergreifendes System verstanden werden, das unser Denken und unsere Praxis bedingt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Dieses Verständnis spiegelt sich in totalisierenden Aussagen wider, die Hegemonie oder Systemdenken betonen.

Andererseits ist und war der Kolonialismus immer umkämpft. Diesen Widerstand nicht anzuerkennen, macht den Kolonialismus noch mächtiger, da es viele antikoloniale Kämpfe in verschiedenen Bereichen unsichtbar macht.

Nein: Bis heute sind wir konditioniert durch die kolonialen Rahmenbedingungen, die in den letzten hundert Jahren entstanden sind. Dies spiegelt sich zum Beispiel in westlichen/eurozentrischen Geschichten wider, die davon ausgehen, dass Nationalstaaten die "fortschrittlichste" und beste Art sind, sich als Gesellschaften zu organisieren. Dieses Erbe lebt weiter und ist verbunden mit populären Mythen um einen angeblichen "Gesellschaftsvertrag", um mit der "Tragödie des Allgemeinguts " umzugehen, oder der Legitimation kapitalistischer Ökonomien, der dystopischen Fiktion von Tauschhandel entgegenzuwirken.

In dieser Kampagne versuchen wir, einen solchen Mythos herauszufordern und zu demontieren, nämlich den einer anthropozentrischen Aufteilung von "Natur" und "Mensch". Die Mehrheitsgesellschaften in Europa müssen die Art und Weise, wie wir durch koloniale Rahmenbedingungen konditioniert sind, als uns direkt betreffende und gemeinschaftliche Angelegenheit angehen. Andernfalls werden unsere "wohlmeinenden" Absichten weiterhin den Kolonialismus reproduzieren, wie wir es bereits in der Industrie für erneuerbare Energien, im Naturschutz oder in den Bemühungen zum Schutz der Biodiversität gesehen haben.

Rechenschaftspflicht, was bedeutet das für euch?

Wir, als Teil dieser Kampagne, erkennen unser Privileg an, über Kolonialismus zu lernen und Fehler zu machen, während wir uns bemühen, antikoloniale Arbeit zu leisten. Mit diesem Prozess transparent zu sein, ist für uns wichtig, weil es den Menschen erlaubt, unsere Motivationen und die Beziehungen, die wir durch unsere Arbeit pflegen, zu verstehen. Wir sehen diese Kampagne als einen Weg, uns und die Gemeinschaften um uns herum in Bezug auf die Art und Weise, wie wir den Kolonialismus reproduzieren, zur Rechenschaft zu ziehen, einschließlich der Möglichkeit, Feedback zu geben und der Verpflichtung unsererseits, dieses Feedback angemessen zu behandeln. Rechenschaftspflicht bedeutet für uns auch, dass wir uns bemühen, Interventionen zu schaffen, die für die BIPoC-Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten, sinnvoll sind.

Als Menschen aus kolonialen Gesellschaften sind wir uns kritisch der Fehler bewusst, die wir machen, wenn wir uns in Dekolonisierungsprozessen engagieren. Deshalb wollen wir diesen Text auch dazu nutzen, einige der Fehler, die wir gemacht haben, hervorzuheben und die Art und Weise, wie wir versucht haben, uns zu ihnen zu bekennen, indem wir unsere Kampagne entsprechend verändert haben. Zum Beispiel:

Fokus auf Zerstörung - Während es viele erstaunliche BIPoC-geführte Initiativen gibt, die dekoloniale Wege praktizieren, um wechselseitige Beziehungen mit Land, Wasser, Flora und Fauna zu pflegen, reproduzierte der anfängliche Fokus unserer Kampagne auf Zerstörung und Probleme ein viktimisierendes Bild. Dies ist auf vielen Ebenen problematisch, zum Beispiel, weil es ein einseitiges Bild der BIPoC-Gemeinschaften zeigt, das ihnen Handlungsfähigkeit abspricht und eine "Weiße-Retter"-Mentalität provoziert. Dementsprechend entschieden wir uns, unseren gesamten Text neu zu schreiben und ein zusätzliches Video zu erstellen. Das erste Video als Anerkennung dessen, wie Klima- und Umweltbewegungen, die von kolonialen Gesellschaften angeführt werden, zu Dystopien beitragen, und 2. um den Widerstand und die neuen Beziehungen, die BIPoC schaffen, hervorzuheben.

Um mehr über "white saviourism" zu erfahren, empfehlen wir sehr den No White Saviors Podcast, eine Advocacy-Kampagne, die von einem mehrheitlich weiblichen, mehrheitlich afrikanischen Team von Fachleuten mit Sitz in Kampala, Uganda, geleitet wird: https://nowhitesaviors.org/

Warum dieser Kampagnenname?

Der Name der Kampagne war Gegenstand einer Debatte unter uns. Der Arbeitstitel lautete eine Zeit lang "Decolonize Nature", aber ein wichtiges Feedback machte uns auf die möglichen Gefahren aufmerksam, den Begriff "Dekolonisierung" zu übernehmen, ohne zugleich dekoloniale Praktiken zu verfolgen.

Die Mitglieder dieser Gruppe identifizieren sich überwiegend als weiß und sind (in unterschiedlichem Ausmaß) relativ neu in dem Prozess bzw. der Arbeit (“the work”) rund um Dekolonisierungsprozesse: die Selbstreflexion über unsere Position im rassistischen/kolonialen System und wie jeder von uns als Teil verschiedener Gemeinschaften denkt/handelt, um dieses abzubauen und bestehende Bewegungen zu unterstützen, um andere Beziehungen zu pflegen.

Im Allgemeinen hat sich die Gruppe verpflichtet, aktiv dekoloniales Denken und Praktiken zu erlernen und umzusetzen und mit unseren Worten und Taten weniger schädlich zu sein. Noch stehen wir meist am Anfang dieses Prozesses und schauen kritisch auf die Art und Weise, wie wir weiterhin unsere eigenen Absichten und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen.

Dekolonisierung ist viel größer als diese Kampagne, die aufgrund unseres eigenen Hintergrunds einen starken Fokus auf Biodiversität/Naturschutz und Vorstellungen von "Natur" (insbesondere koloniale Vorstellungen) hat. Wie BIPoC zuvor zum Ausdruck gebracht haben, ist Dekolonisierung weder eine Metapher noch eine Entwurf, die mit einem richtigen Prozess definiert werden kann. Es ist eher eine Landkarte, die auf Fragen hindeutet - “wo von was” und “an wen für wen?”.

Wir erkennen auch an, dass Dekolonisierung an sich keinen Weg in eine dekoloniale Zukunft bietet, im Gegensatz zu z.B. Indigenem und Afro-Futurismus oder “Indigenous Resurgence”

Wir möchten hier auch auf mögliche Problematiken mit dem aktuellen Kampagnentitel hinweisen:

"#NatureNeedsJustice" kann ohne Kontext ein westliches/weißes Verständnis von "Natur" als von Menschen getrennt bedienen/verstärken. Unser Verständnis von Natur schließt explizit die nicht-menschliche Natur und die menschliche Natur ein, die imaginierte Trennung wurzelt im westlichen Denken, dem wir kritisch gegenüberstehen.

Dennoch - indem wir Natur bloß als menschliches und nicht-menschliches Leben zusammen definieren *und* Gerechtigkeit für sie einfordern, würden wir auch die Macht- und Kontrollstrukturen der weißen Vorherrschaft hinter dem Begriff "Mensch" unsichtbar machen.

"#NatureNeedsJustice" als Slogan kann auch ein Narrativ von "Natur braucht Hilfe" bedienen/verstärken - Natur wiederum als ein vom Menschen getrenntes Objekt, ein Objekt ohne Selbstbestimmung, das "weiße Retter" braucht. Wie bereits erwähnt, sind für uns Menschen nicht von der Natur getrennt. Wir als Gruppe, die versucht, Praktiken zu implementieren, die das westliche und koloniale Denken de-zentrieren, verlangen nach einer Gerechtigkeit, die nicht bevormundet. Ein wichtiger Teil dieser Art von Gerechtigkeit/Fairness/Konvivialität ist das Verlernen dessen, was wir bisher für “richtig” halten; und immer auf die wirklichen Bedürfnisse der menschlichen und nicht-menschlichen Natur zu hören und auf diese hinzuarbeiten, indem wir sie unterstützen, anstatt zu "helfen".

Was ist eurer Meinung nach "Natur"?

Die Komplexität unserer Beziehungen zu Menschen, Land, Gewässern, Flora und Fauna unter einem Begriff wie "Natur" neu zu gruppieren, ist ebenfalls eine Tendenz innerhalb kolonialer Systeme.

Der elleinige Akt, Natur auf diese Weise neu zu definieren, erkennt die Machtstrukturen weißer Vorherrschaft/Kolonialität, die zu Konzepten wie "Naturschutz", "menschlich" usw. führen, nicht an, geht nicht gegen diese vor und baut sie nicht ab. Naturschutz ist ein koloniales, extraktivistisches Konzept, und es verschwindet nicht, indem man "nur" die Natur als menschliches und nicht-menschliches Leben neu definiert - ohne zuerst die Machtverhältnisse hinter "Mensch" und "Natur" anzuerkennen.

Warum macht ihr das hier, wäre es nicht besser, stattdessen einfach BiPoC zu unterstützen?

Bei anti-kolonialer Arbeit reicht es für uns als koloniale Gesellschaften nicht aus, nur mitfühlend zu sein. Stattdessen haben wir eine Verantwortung, den Kolonialismus als das aufzulösen, was er ist: ein sehr nahes und gemeinschaftliches Problem. Wo sehen wir unseren Platz in dieser Welt und warum? Wie können wir wechselseitige Beziehungen pflegen, die auf Vertrauen, Konsens und Transparenz beruhen?

DIE TEXTE AUF DER WEBSITE SIND ZIEMLICH KOMPLEX UND FÜR MENSCHEN OHNE AKADEMISCHEN HINTERGRUND NICHT SO LEICHT ZUGÄNGLICH. WAS IST EURE POSITION ZU BARRIEREFREIHEIT/KLASSISMUS/BEHINDERTENFEINDLICHKEIT?

Kolonialismus ist in der Tat sehr komplex, vor allem für diejenigen von uns, die sich dafür entscheiden können, nicht mit seinen vielen Erscheinungsformen konfrontiert zu werden (einschließlich der Menschen hinter dieser Kampagne). Während des Aufbaus dieser Kampagne und der Texte gab es viele Gelegenheiten, in denen wir unser Versagen, Kolonialismus zu verstehen und darüber zu sprechen, bemerkten. Daher glauben wir, dass die Schaffung von zugänglicheren und stärker dekolonialen Ausdrucksformen Teil unseres Prozesses ist, Verantwortung für die Dekolonisierung zu übernehmen. Wenn du uns bei diesem Prozess helfen willst, kannst du dich gerne bei uns melden!

WIE SIEHT EUER DEKOLONISIERUNGSPROZESS IN DEN GEMEINSCHAFTEN AUS?

Wir verstehen diese Kampagne als einen Ausgangspunkt, einen Versuch und Wunsch, dekolonialen Praktiken zu folgen und Prozesse in kolonialen Gesellschaften zu fördern, die unsere Absichten und Auswirkungen problematisieren, komplexer machen und dezentrieren.

Welchen Bezug hat diese Kampagne zu den Forderungen und Prinzipien von XR?

Dazu haben wir eine kleine Übersicht mit Zitaten aus den Langfassungen der Forderungen und Prinzipien erstellt:

Forderung 2: Handelt jetzt!

„Das Artensterben muss gestoppt werden und der ökologische Raubbau mit allen Mitteln eingedämmt und – wenn möglich – wieder rückgängig gemacht werden. Zentrales Ziel der Gesellschaft ist in Zukunft, das Klima und die Ökosysteme der Erde so zu stabilisieren, dass sie allen Menschen und allen Arten ein sicheres Zuhause bietet.“

Die Kampagne präzisiert, was bei diesem Versuch in der Vergangenheit und im Naturschutzmainstream falsch gelaufen ist und zeigt Möglichkeiten auf, wie es besser gemacht werden kann.

Prinzip 1: Wir haben eine gemeinsame Vision der Veränderung

"Wir als Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung sehen es als unsere unverzichtbare Aufgabe, eine Welt zu gestalten, die auch für zukünftige menschliche Generationen und alle Lebewesen lebenswert ist."

Die Kampagne zeigt Lösungen für einen gerechten Naturschutz auf, der gleichzeitig Menschenrechte und Artenvielfalt schützt.

Prinzip 4: Wir stellen uns selbst und unser toxisches System offen in Frage

"In Deutschland als Teil der westlichen Welt profitieren wir stark von der Auslagerung der Produktion und der Umweltschäden in andere Länder – welche wiederum Ausbeutung befördern und Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Wir sollten uns in unserem Kampf für globale Klimagerechtigkeit auch unserer historischen Verantwortung für die Klimakrise bewusst sein und unser Bewusstsein für globale Klimagerechtigkeit schärfen."

Die Kampagne nimmt eine tiefere Analyse vor: Wie haben Kolonialisierung und Rassismus zu den Klima- und Umweltkrisen geführt? Welche Rolle spielen sie heute noch - zum Beispiel, wenn im Namen des "Naturschutzes" riesige Landflächen eingezäunt und Indigene Völker von ihrem Land vertrieben werden?

Prinzip 5: Reflexion und Lernen sind uns wichtig:

"Durch Infragestellen, Reflexion und Recherchen wollen wir vermeiden, Fehler zu wiederholen, uns mit internen und grundsätzlichen Problemen, die die Bewegung betreffen, befassen und uns stetig verbessern."

Die Kampagne zielt darauf ab, das Wissen und die Reflexion innerhalb westlicher - insbesondere weißer - Gemeinschaften zu fördern, die sich seit kurzem in den Bewegungen für Umweltgerechtigkeit und Klima engagieren. Ausgehend von Biodiversität werden wir uns auch kritisch mit aktuellen Schlagwörtern wie "grünem Kapitalismus", CO2-Kompensationen und "Natürlichen Klimalösungen" auseinandersetzen. Über Social Media und in Form von Webinaren wird es Möglichkeiten des Austauschs geben.

Prinzip 6: Alle sind willkommen – so wie sie sind:

"Wir sind uns bewusst, dass sich für globale Veränderungsprozesse auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen, mit denen wir arbeiten und uns verbünden, ändern müssen. Die Welt wird derzeit durch Machthierarchien auf Basis von ethnischer Herkunft, Klasse, Geschlecht, Sexualität u.a. geprägt (Intersektionaltität). Für die Menschen, die durch diese Machthierarchien benachteiligt sind, bieten große Teile der heutigen Gesellschaften kein geschütztes Umfeld. Um vor Diskriminierung geschützte Räume zu schaffen, ist es notwendig, aktiv und nachhaltig ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie diese Machthierarchien funktionieren."

In der Kampagne wollen wir unsere eigenen inneren Dynamiken kritisch reflektieren. Wir werden uns Fragen nach der Integration verschiedener Perspektiven stellen und uns im Laufe der Kampagne intensiv mit "critical whiteness"-Ansätzen auseinandersetzen. Wir werden uns anschauen, wie wir in unserer Arbeit und unserem Aktivismus koloniale Traditionen reproduzieren - und wie wir marginalisierte Stimmen in unserer Kampagne unterstützen können, auf eine Art, die hilfreich für diese Gemeinschaften ist. Eines der Ziele dieser Kampagne ist es, auf eine gleichberechtigte Integration von Perspektiven des Globalen Südens zuzuarbeiten und Umweltgerechtigkeitsbewegungen aus diesen Regionen zu unterstützen.

Prinzip 7: Wir überwinden hierarchische Machtstrukturen

"Unsere Arbeit basiert auf Dialog und Regeneration und hat kollektiven Wandel und Gerechtigkeit zum Ziel." (...) "Unsere Medienansprache beinhaltet und fördert Themen und Stimmen, die normalerweise wenig beachtet werden (zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Fluchtursachen). Trotzdem achten wir darauf, nicht für andere zu sprechen."

Die Forderung nach Klimagerechtigkeit hat sich in der Klimabewegung schon etabliert – die Kampagne rückt den Fokus zudem auf den Aspekt Naturschutzgerechtigkeit. Dazu laden wir Expert*innen aus dem Globalen Süden ein, mit uns darüber zu sprechen.