Charlotte Götze

7. Wir überwinden hierarchische Machtstrukturen

Wir gleichen das Gefälle von Macht und Einfluss aktiv aus, um eine gerechte Teilhabe zu ermöglichen.

Die Basis unserer Bewegung sind die Beziehungen ihrer Mitglieder. Wir arbeiten jeden Tag daran, Beziehungen aufzubauen, die geprägt sind von Vertrauen, Respekt und Solidarität. Dabei gehen wir bei allen Mitgliedern grundsätzlich von guten Absichten aus. Wir nutzen Strategien zur Konfliktlösung, um Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten zu lösen und an ihnen als Bewegung zu wachsen. Unsere Arbeit basiert auf Dialog und Regeneration und hat kollektiven Wandel und Gerechtigkeit zum Ziel. Wir dulden keine Schuldzuweisungen zwischen Mitgliedern der Bewegung oder Mobbing in irgendeiner Form. Das verlangt von jeder:m Einzelnen von uns, dass wir ehrlich und offen mit uns selbst und einander umgehen. Wir alle haben Vorurteile und Prägungen, die wir uns eingestehen müssen, anstatt sie zu verdrängen. Es ist die Aufgabe von jeder:m von uns, an sich zu arbeiten, um destruktive Gewohnheiten und Verhaltensweisen aufzulösen.

Wir erkennen an, dass unsere Welt zur Zeit von verschiedenen sich überschneidenden Machthierarchien geprägt ist, die zum Beispiel auf sozialer Klasse, Ethnie, Geschlecht, sexueller Orientierung, Fähigkeiten/ Beeinträchtigungen usw. beruhen. Daher ist die Erfahrung jeder Person durch ihre Position in diesen vielfältigen sozialen Hierarchien geprägt. People of Color erfahren z.B. stärkere Formen der Unterdrückung, ebenso wie als weiblich wahrgenommene Menschen.

Wir streben zwar eine Welt an, in der es keine solchen Hierarchien mehr gibt, sind uns jedoch bewusst, dass diese auch innerhalb unserer Bewegung vorhanden sein können. Deswegen achten wir bewusst darauf, jenen Menschen Raum zu geben, die am stärksten kämpfen müssen, um gehört, anerkannt und respektiert zu werden und sie dazu ermutigen, Schlüsselpositionen einzunehmen.

In der praktischen Umsetzung bedeutet das:

  • Wir geben marginalisierten Menschen, die zentrale Aufgaben übernehmen möchten, bevorzugt die Chance dazu.
  • Unsere Medienansprache beinhaltet und fördert Themen und Stimmen, die normalerweise wenig beachtet werden (zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Fluchtursachen). Trotzdem achten wir darauf, nicht für andere zu sprechen.
  • Wir achten, sowohl bei Treffen, als auch in Aktionen, auf Zugänglichkeit für alle (z.B. Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrende, Kinderbetreuung und Vermeidung von Fachbegriffen).
  • Wir erkennen an, dass Menschen unterschiedliche Privilegien haben, und damit verbunden auch unterschiedliche Möglichkeiten, für sich selbst und für andere zu sorgen und aktiv zu werden. Menschen werden dazu angehalten, sich mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen und sich dieser bewusst zu werden. Dazu gehört, die eigenen Privilegien nicht destruktiv zu verwenden. Im Gegenteil: Wir wollen dazu ermuntern, sie konstruktiv einzusetzen. 
  • Wir vermeiden aktiv Machtkonzentrationen bei einzelnen Personen und Personengruppen, z.B. durch Rotation bei koordinierenden Positionen.
  • Wir verankern emanzipierende Praktiken in unserem Übungsmaterial, um unterdrückendem Verhalten und Sprache entgegenzuwirken.
  • Unsere Strategie wird darauf ausgerichtet, aufrichtige Allianzen mit Graswurzelbewegungen von an den Rand gedrängten Menschen einzugehen.
  • Wir erkennen außerdem an, dass Menschen auch Fehler machen, Dinge falsch einschätzen und Fehltritte begehen können. Wenn wir Rückmeldungen zu Problemen geben, tun wir das auf wertschätzende, respektvolle und für die angesprochene Person stärkende Weise.

Aufgrund von Auftritten in den (sozialen) Medien, auf Webseiten, durch Sammeln von Spenden usw. kommt es zu einer gewissen Machtkonzentration bei einzelnen Personen in der Bewegung. Um die Machtverhältnisse so ausgewogen wie möglich zu gestalten, haben wir Organe, in denen alle Gruppen vertreten sind, die transparent arbeiten und über ein Verfahren zur Rotation von Menschen in den koordinierenden Rollen verfügen.

Nächstes Prinzip: Wir vermeiden Schuldzuweisungen und Beleidigungen.

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