#NatureNeedsJustice

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Naturschutz braucht Gerechtigkeit.

Der Kapitalismus kann sich nur erhalten, wenn er ständig wächst - deshalb dringt er immer weiter in neue Bereiche vor, um alles zur Ware zu machen und zu verkaufen, was sich gewinnbringend verkaufen lässt. In den letzten Jahren wurde der Naturschutz zu einem dieser neuen Bereiche, die es auszubeuten gilt. Im Mainstream wird das Zur-Ware-Machen der Biodiversität als Lösung für die Krise des Artensterbens präsentiert - jeden Tag sterben etwa 130 Tier- und Pflanzenarten aus -, obwohl der Kapitalismus und die extraktiven Industrien die Ursache für das Artensterben sind.

Als Bewegung unterstützen wir Klimamaßnahmen nur, wenn sie auf Gerechtigkeit ausgerichtet sind, und ebenso unterstützen wir Gerechtigkeit im Naturschutz! In vielen Nationalparks zum Schutz von Wildtieren, insbesondere im Globalen Süden, wurden Indigene Völker, denen dieses Land zuvor gehörte, vertrieben oder sogar getötet, um diese Parks zu schaffen. Wir sollten uns bewusst sein, dass 80 % der weltweiten Biodiversität auf dem Land Indigener Völker zu finden ist, weil sie in der Regel einen Lebensstil pflegen, der die Ökosysteme weniger belastet als der konsumintensive Lebensstil der Industriegesellschaften.

Ein Systemwandel ist notwendig. Klima-"Lösungen" wie CO2-Offsets, "Natural Climate Solutions" oder "grüner Kapitalismus"-Projekte versuchen, die ökologischen Probleme mit den Mitteln zu lösen, die sie geschaffen haben. Das wird nicht funktionieren, wenn nichts gegen das ständige Wachstum der Industrien und des Konsumverhaltens der Menschen im Globalen Norden unternommen wird, die für den Verlust der Biodiversität im globalen Maßstab verantwortlich sind.

Als Teil der #NatureNeedsJustice-Kampagne wollen wir darüber reflektieren, wie unsere Gruppe von Aktivist*innen des Globalen Nordens Verantwortung übernehmen und nützliche Verbündete für Gerechtigkeitskämpfe des Globalen Südens werden kann. Die Kampagne zielt darauf ab, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Naturschutz auch heute noch oft sehr kolonial und rassistisch ist. Wir wollen Initiativen und Lösungen aufzeigen, die Menschenrechte und Biodiversität gleichzeitig schützen - insbesondere von Menschen aus dem Globalen Süden.

Wichtige Fragen und Antworten zur Kampagne

Die Zerstörung des lebenden Planeten durch ausbeuterische Industrien und den Überkonsum des Globalen Nordens ist an vielen Orten der Erde seit langem Realität – und damit auch die Zerstörung der Leben und der Lebensgrundlagen von Gemeinschaften im Globalen Süden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird diese Zerstörung nicht nur lokal, sondern auch global spürbar und erhält die Aufmerksamkeit eines großen Teils der europäischen Gesellschaft.

Die Ursachen für diese Umweltzerstörung sind das weltweit dominante Wirtschaftssystem, das auf der Ideologie des Wirtschaftswachstums basiert und die systematische Unterdrückung von Menschen durch Rassismus und Kolonialismus. Die europäischen Umweltbewegungen müssen diese Ursachen angehen, um Forderungen nach #EnvironmentalJustice und #Klimagerechtigkeit sinnvoll umsetzen zu können und auf notwendige Veränderungen auf systemischer Ebene zu drängen.

Die Motivation hinter der #NatureNeedsJustice-Kampagne ist es, eine tiefere Analyse vorzunehmen. Wie haben Kolonialisierung und Rassismus zu den Klima- und Umweltkrisen geführt? Welche Rolle spielen sie heute noch - zum Beispiel, wenn im Namen des "Naturschutzes" riesige Landflächen eingezäunt und Indigene Völker von ihrem Land vertrieben werden?

"Wir sollten den Naturschutz anführen und nicht Opfer von diesem sein."

Archana Soreng, Khadia-Stamm, Indien - Mitglied der UN Jugendberatungsgruppe zum Klimawandel

Themen der Kampagne

Die Menschen sind Teil des lebendigen Planeten und mit allen Lebewesen als Teil eines riesigen Lebensnetzes verbunden. Westliche Gesellschaften haben zunehmend die Weltsicht angenommen, dass Menschen von nicht-menschlichen Wesen getrenntinsbesondere seit der Aufklärung. Im westlichen Weltbild wird die Natur als etwas betrachtet, das dem Menschen unterlegen ist und von der menschlichen Kultur überwunden und beherrscht werden muss. Damit nahmen sich westliche Gesellschaften die "soziale Lizenz" zur Zerstörung und Ausbeutung von Ökosystemen und Lebewesen. Kolonisatoren bewerteten Menschen als anders und minderwertig, um damit die Ausbeutung, Ermordung und Versklavung dieser zu rechtfertigen. Dieses Herrschaftsdenken über die menschliche und nicht-menschliche Natur wurde durch den Kolonialismus sogar anderen Kulturen aufgezwungen und setzt sich in der kapitalistischen Logik bis heute fort.

Da Menschen Teil des Lebensnetzes sind, beeinflusst unser Verhalten die Ökosysteme und das Klima und umgekehrt. Eine Trennung zwischen Mensch und "Natur" gibt es nicht und gab es zu keiner Zeit der menschlichen Existenz, auch heute noch beziehen wir alle – egal wo und wie wir leben - unsere Nahrung, unser Obdach und unsere alltäglichen Bedürfnisse aus der Natur. Auch wenn sich die meisten Menschen in der westlichen Kultur von direkten Beziehungen zur Natur, zum Anbau von Nahrung oder zum Bau von Obdach, entfremdet haben.

"Warum wollen wir diese Schutzgebiete haben - damit wir gleichzeitig die anderen 70 Prozent der Erde ausbeuten und zerstören können?"

Moenieba Isaacs, Professorin and Aktivistin aus Südafrika

Warum diese Kampagne gerade jetzt?

Die UN wird auf ihrem nächsten Biodiversitätsgipfel CBD (Convention on Biological Diversity) darüber diskutieren, 30 % der Erdoberfläche bis 2030 unter "Naturschutz" zu stellen. Einige bekannte Ökolog*innen fordern sogar, die Hälfte der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen (HalfEarth), obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise für 30 oder 50 % gibt. Dieser Vorschlag wirft massive Bedenken hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit und Landrechten auf, wie Indigene Gemeinschaften betonen. Während lokale Gemeinschaften ihres Landes beraubt werden, werden diese Konzepte nichts gegen die Treiber des Biodiversitätsverlustes unternehmen: den Überkonsum von Menschen und Industrien im Globalen Norden und als Folge davon Lebensraumverlust und Fragmentierung, Überfischung, Klimawandel, Verschmutzung von Atmosphäre, Böden und Wasser und invasive Arten.

Unsere Kampagne zielt darauf ab, das Wissen und die Reflexion innerhalb westlicher – insbesondere weißer – Gemeinschaften zu fördern, die sich seit kurzem in den Bewegungen für Umweltgerechtigkeit und Klima engagieren. Ausgehend von Biodiversität werden wir uns auch kritisch mit aktuellen Schlagwörtern wie "grünem Kapitalismus", CO2-Kompensationen und "Natürlichen Klimalösungen" auseinandersetzen - wie wird die Natur messbar, berechenbar und am Aktienmarkt handelbar gemacht, ohne sinnvolle Lösungen voranzubringen? Die Diskussion um "Schutz der Natur" und Klimamaßnahmen ist nicht der progressiven Politik vorbehalten – die sich auf Gerechtigkeit und Menschenrechte konzentriert – sie wird auch von Politikern, Parteien und Bewegungen bedient, die zum rechten Spektrum gehören, von den Identitären bis hin zu Ökofaschist*innen (z.B. Patrick Crusius, Pentti Linkola, Madison Grant)

Dekolonisierung

Was ist Dekolonisierung (im Kontext dieser Kampagne)? Als Gruppe, die sich aktiv mit diesem Konzept auseinandersetzen will, versuchen wir, solche Fragen zu beantworten: Wie können wir als Bürger*innen der Industrieländer dazu beitragen, uns um alle lebenden Arten auf diesem Planeten zu kümmern und gleichzeitig den Kampf für globale Gerechtigkeit und Menschenrechte unterstützen? Zunächst wollen wir unsere eigenen inneren Dynamiken kritisch reflektieren. Wir werden uns Fragen nach der Integration verschiedener Perspektiven stellen und uns im Laufe der Kampagne intensiv mit "critical whiteness"-Ansätzen auseinandersetzen. Wir werden uns anschauen, wie wir in unserer Arbeit und unserem Aktivismus koloniale Traditionen reproduzieren - und wie wir marginalisierte Stimmen in unserer Kampagne unterstützen können, auf eine Art, die hilfreich für diese Gemeinschaften ist. Eines der Ziele dieser Kampagne ist es, auf eine gleichberechtigte Integration von Perspektiven des Globalen Südens zuzuarbeiten und Umweltgerechtigkeitsbewegungen aus diesen Regionen zu unterstützen.

Hintergrund

Prince Philip, Mitbegründer des WWF und die Queen mit einem erschossenen Tiger, 1961 (Getty Images)

"Naturschutz" als Bereich der Ökologie hat eine lange Geschichte, die elitär, konservativ und kolonialistisch ist. Sie begann vor Jahrhunderten in den USA mit der Schaffung von Nationalparks und der Enclosure-Bewegung in Schottland: Eliten entschieden, welche Gebiete sie für schützenswert hielten, vertrieben die lokale Bevölkerung gewaltsam, jagten zum Vergnügen in diesen reservierten Gebieten und sperrten das Land für die Landbevölkerung ab. Dieses koloniale System hält sich im Naturschutz bis heute in vielen Regionen Afrikas, Asiens oder Südamerikas und teilweise auch in Europa.

Regierungen und große Naturschutzorganisationen riegeln riesige Landflächen von Indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften ab, unter der Begründung, dass dies sei zum Erhalt der Biodiversität notwendig sei. Diese Art des Naturschutzes, auch Festungsnaturschutz ("fortress conservation") genannt, basiert auf der rassistischen Fehlannahme, dass die Indigene bzw. lokale Bevölkerung nicht fähig ist, sich um ihr eigenes Land und die dort lebenden Tiere zu kümmern. Dieser Logik folgend wird es den Menschen verboten, für den eigenen Lebensunterhalt zu jagen, während dies – meist weißen – Touristen zum Vergnügen erlaubt wird.

Zwangsräumungen im Kaziranga Nationalpark, Indien, 2016

Es gibt skandalöse Fälle, in denen Menschen von ihrem eigenen Land vertrieben wurden und gewalttätigen Parkwächter*innen gegenüberstehen, was in vielen Fällen zu Menschenrechtsverletzungen der Indigenen Bevölkerung und zu Protesten dieser Gemeinschaften zur Verteidigung ihrer Rechte geführt hat. Parkwächter*innen brennen die Häuser von Anwohner*innen nieder, stehlen oder zerstören ihr Eigentum und schlagen, foltern, vergewaltigen oder töten diese. Meistens bleiben diese Menschenrechtsverletzungen ungestraft und in der internationalen Presse erhält der Tod eines Löwen mehr Medienaufmerksamkeit als der Tod eines Menschen.

Die Schuld für die Zerstörung der Artenvielfalt wird der lokalen Bevölkerung gegeben, dabei trägt diese im Vergleich zu den Industriegesellschaften und Konzernen wenig oder gar keine Verantwortung für den globalen Artenverlust. Die wissenschaftliche Gemeinschaft der Biodiversitätsexperten sagt, dass die Zerstörung der Ökosysteme durch den Material- und Energieverbrauch der Industriegesellschaften vorangetrieben wird. Naturschutzkonzepte müssen sich mit dem Wachstumszwang des kapitalistischen Wirtschaftssystems auseinandersetzen (z.B. Convivial Conservation) und/oder Teil von gesamtsystemischen Ansätzen sein, die Gerechtigkeit und Pluralität einschließen (z.B. Radical Ecological Democracy).

Zapatistas in Chiapas, Mexiko, Foto: Tim Russo

80 % der weltweiten Biodiversität (d.h. die Vielfalt aller bekannten lebenden Arten) befindet sich derzeit auf dem Land Indigener Völker, weil sie in der Regel Lebensweisen pflegen, die die Ökosysteme weniger belasten als industrialisierte Gesellschaften. Deshalb sollten alle, die an der Erhaltung der biologischen Vielfalt interessiert sind, die Sicherung der Landrechte von Indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften unterstützen.

"Community Conservation"-Ansätze geben vor, mit den lokalen Gemeinden zu arbeiten, doch in Wirklichkeit sind die Gemeinden oft nicht ausreichend in die Planung und Verwaltung der Schutzgebiete eingebunden. Die freie, vorher und nach Informierung erfolgte Zustimmung der lokalen Gemeinden ist der Mindeststandard, den alle Schutzprojekte erfüllen müssen. Allerdings sollten alle Schutzprojekte von den lokalen Gemeinschaften geleitet werden und nur dann durch internationale Bemühungen unterstützt werden, wenn die Gemeinschaft dies wünscht.

Es gibt bereits viele Gebiete, in denen Indigene Völker die nicht-menschliche Natur schützen, den Lebensunterhalt ihrer Gemeinschaften sichern und ihre Selbstbestimmung geltend machen, wie, um nur einige zu nennen, die Karen in Myanmar, Stammesparks der First Nations in British Columbia und ICCAs auf der ganzen Welt. Bemühungen, die Natur mit Rechten auszustatten, dienen als Brücke zwischen Indigenen Kosmologien und dem aus westlichen Gesellschaften stammendem Rechtssystem.

"[Indigene Völker] sind bekanntlich die ersten, die vom Verlust der Artenvielfalt, von der Wüstenbildung und dem Klimawandel betroffen sind, und trotzdem sind sie die Hüter der Biodiversität."

Hindou Oumarou Ibrahim, Mboro, Tschad - Umweltaktivistin und Geografin

"Natürliche Klimalösungen", Kompensationen und Baumpflanzungen

"The Case for Convivial Conservation"

Menschen – überwiegend im Westen –, die in unterschiedlichem Maße von dem aktuellen Wirtschaftssystem profitieren, das auf Wachstum basiert, sollten sehr kritisch gegenüber Konzepten bzw. Versprechen wie "Klimaneutralität" sein. Durch diese wird der essenzielle, schnelle Ausstieg aus fossilen Energieträgern aufgeschoben. Dabei wäre dieser notwendig, um die Leben und Lebensgrundlagen von Menschen zu erhalten, die jetzt durch die Klimakrise leiden. Großindustrien (z.B. Fluglinien oder Kreuzfahrtschiffunternehmen), die die Zerstörung von Ökosystemen und den Klimawandel vorantreiben, werben mit CO2-Kompensationsprojekten (REDD+, Waldschutz) als Ausgleich für die Zerstörung, die sie an anderer Stelle verursachen. Viele dieser Projekte halten nicht, was sie versprechen, und leiden oft unter mangelnder Rechenschaftspflicht und schlechter Einbindung der lokalen Gemeinden.

"Natürliche Klimalösungen", insbesondere das Pflanzen von Bäumen, werden oft als Allheilmittel zur Reduzierung von Kohlenstoffemissionen angepriesen, obwohl viele der Behauptungen übertrieben oder reine Mythen sind und Baumpflanzungen oft nur angepriesen werden, um gerade jetzt notwendige Emissionsreduzierungen hinauszuzögern. Andererseits sind die Wiederherstellung von Mooren und Sümpfen, die Wiederaufforstung von Bäumen, Mangroven oder Algenwäldern wichtig, um die Klimakrise zu verlangsamen und Lebensräume für Wildtiere zu schaffen – aber es ist wichtig zu klären, wie dies im Detail geschieht und zu welchem Zweck. Im Allgemeinen werfen solche Projekte zur Wiederherstellung bzw. "Re-Wilding" ähnliche Bedenken bezüglich von Landrechten und demokratischer, integrativer Entscheidungsfindung der lokalen Gemeinschaften auf. Gebiete zur "Wiederherstellung von Ökosystemen" werden überwiegend im Globalen Süden bestimmt, während Landschaften und Ackerland im Globalen Norden nicht beansprucht werden.

Echte Graswurzel-Initiativen wie Green Belt Movement in Kenia zeigen, dass Baumpflanzung erfolgreich sein kann, wenn es in Verbindung mit bestehenden Bemühungen der Gemeinschaft um Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Armutsbekämpfung einhergeht.

Wenn du Interesse hast, die Arbeit an dieser Kampagne zu unterstützen, kannst du uns gern unter presse(at)extinctionrebellion.de kontaktieren.

Quellen:

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