XR München: Statement zu diversen Unklarheiten (en. version included)

Geschrieben von XR München am 28.02.2020

Dieses Dokument existiert auch als PDF zum Download in Kurzfassung und in Langfassung sowie Langfassung in English. Für einen gründlicheren Überblick über unsere Arbeitsweise empfehlen wir die Langfassung unseres Statements.

Wendet euch bei Fragen und Anregungen gerne an XR München.

Stand: Februar 2020

Hallo Alle!

In diesem Schreiben gehen wir auf verschiedene Fragen und Unklarheiten bezüglich unserer Bewegung Extinction Rebellion (kurz: XR) ein und bitten Euch um Euer offenes Ohr.

Wer ist Extinction Rebellion?

XR ist eine weltweite Klimagerechtigkeitsbewegung, die die Politik durch konsequente, friedlicheAktionen dazu bewegen will, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um für alle Lebewesen eine bewohnbare Erde zu gewährleisten.

Wir sind Menschen aus allen Lebensphasen und Tätigkeitsbereichen, also Berufstätige, Studierende, Ruheständler:innen usw. Wir stützen uns auf drei Forderungen und zivilen Ungehorsam. Wie viele im reichen Norden gegründete Klimagerechtigkeitsbewegungen sind wir momentan größtenteils weiße, privilegierte Menschen. Die Klimakrise trifft jedoch alle ungeachtet Herkunft, Hautfarbe, religiöser und sexueller Orientierung etc., daher arbeiten wir an am Verstehen und Beseitigen der Hürden, die für Menschen mit diversem Hintergrund den Einstieg und Verbleib in XR München erschweren.

Was ist die Struktur von XR?

Unsere Struktur ergibt sich aus folgenden Prinzipien:

  • (7) Wir überwinden hierarchische Machtstrukturen
  • (10) Wir stützen uns auf Selbstbestimmung und Dezentralität

Jede Ortsgruppe ist frei in ihren Entscheidungen, so lange sie sich auf unser „Regelwerk“, nämlich 3 Forderungen und 10 Prinzipien, stützt. Diese ergeben sich daraus, dass XR eine „designte“ Bewegung ist. Unsere Gründer:innen waren und sind aber keine Anführer:innen.

Wie geht XR mit Diskriminierung um?

Diskriminierung wird durch Prinzip 6 und besonders durch sein Addendum ausgeschlossen:

  • (6) Alle sind willkommen – so wie sie sind

Verhalten, das Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit, Klassendiskriminierung, Altersvorurteile und alle anderen Formen der Diskriminierung, einschließlich beleidigender Sprache, aufweist, akzeptieren wir weder persönlich noch online.

Warum XR keine Sekte ist

Folgende Tatsachen (vgl. Wikipedia) belegen eindeutig, wie wenig XR mit einer Sekte gemein hat:

  • Wie andere Klimabewegungen auch sind wir eine Untergruppe einer politischen Gesinnung, der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung.
  • Unsere Aktionsform (ziviler Ungehorsam) führt zu Konflikten, wie sie etwa auch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ausgelöst hat.
  • Wir stützen uns auf die Wissenschaft und nicht auf eine Lehre, für die wir absolute Wahrheit beanspruchen.
  • Wir haben hierarchiefreie Strukturen, die Meinungsfreiheit ist mit Ausnahme von Diskriminierung (Prinzip 6) gesichert, Aktivist:innen können autonom im Namen von XR alle Aktionen ausführen, die mit dem Rebellionskonsens vereinbar sind (Sekte = Unterdrückung).
  • Unsere regenerative Kultur versucht zu verhindern, dass Aktivist:innen sich selbst ausbeuten.
  • Wir bauen keinen Personenkult um unsere Gründer:innen auf. Beleg dafür ist z.B. die Distanzierung von einem der Gründer, Roger Hallam, der das Prinzip 6 gebrochen hatte.

Wie sorgt XR für die Sicherheit aller Aktivist:innen?

Unsere Strategie ist es, mit unseren Namen für unsere Aktionen einzustehen und Konsequenzen bewusst in Kauf zu nehmen, um die Dringlichkeit effektiven Klimaschutzes zu verdeutlichen. Dabei bemühen wir uns, unsere Aktivist:innen zu schützen:

  • Aufklärung über zu erwartende Konsequenzen in Aktionstrainings und Vorbesprechungen sowie über möglicherweise gewaltvolles Vorgehen durch die Polizei.
  • Aktivist:innen werden dazu angehalten, ausschließlich bei solchen Aktionen mitzumachen, die ihrer ersönlichen Risikobereitschaft entsprechen. Jegliche Beeinflussung oder Gruppenzwang sind zu vermeiden!
  • Angabe verschiedener Risikolevel (Level 0 = legal & angemeldet; Level 3 = ernste rechtliche Konsequenzen) bei Aktionen im Vorfeld.
  • Informationen für Mitglieder gefährdeter Gruppen in der XR Rechtshilfebroschüre.
  • Rebellionskonsens: „Wir informieren uns laufend über die potenziellen rechtlichen Folgen unserer Handlungen und gehen erst in Aktion, wenn wir uns der Konsequenzen bewusst sind.“
  • Unterstützung bei der Bewältigung rechtlicher Konsequenzen durch die Legal AG sowie Aufbau einer solidarischen Repressionskasse für Rechtsfälle.

Berechtigt ist allerdings die Kritik, dass XR München bereits Aktivist:innengruppen, die teilweise noch keine Aktionstrainings mitgemacht haben, über Aktionen informiert hat. Hier wollen wir Abhilfe durch häufigere Aktionstrainings und Appelle an die Selbstverantwortung noch unerfahrener Aktivist:innen schaffen: Überlegt euch bitte genau, ob ihr ohne Aktionstraining an zivilem Ungehorsam teilnehmen wollt und solltet.

Wie geht XR mit der Polizei um?

Wir sehen die Polizei weder als Komplizen noch als Feinde der Klimagerechtigkeitsbewegung. Daraus ergibt sich folgendes, zweigleisiges Vorgehen:

  • Friedlicher und respektvoller Umgang (vgl. Prinzip 9 – Friedfertigkeit) sowie
  • Deeskalation als Kommunikationsziel vor Ort
  • Informationsknappheit, das heißt:
    • Keine persönlichen Details von dir oder anderen Rebellis: wie lange wir bei XR dabei sind, wer dabei ist, Beruf
    • Keine Informationen zur Aktionsplanung: Wer, was, wie, was noch kommt
    • Keine XR-Interna: Strukturen, Arbeitsweisen, Treffen

Mehr Infos sind in Broschüren zu Polizeikontakt, Rechtshilfe und im Flowchart: „Posteingang nach einer Aktion” zu finden.

Wie solidarisieren sich XR-Aktivist:innen miteinander bei Aktionen?

Manchmal möchte die Polizei durch einschüchterndes Verhalten ein Exempel statuieren, so dass die Diskreditierung Einzelner weit über diese hinaus wirkt. Hier stärken wir uns gegenseitig und versuchen solche Vorfälle friedlich zu halten, indem wir aufeinander achtgeben, uns in brenzligen Situationen gegenseitig beruhigen und Provokationen seitens der Ordnungsbehörden ins Leere laufen lassen (vgl. XR-Buch „Wann, wenn nicht wir*“, S.164).

Wie sorgt XR für Datenschutz?

Im Vorfeld der Rebellion Wave im Oktober 2019 haben wir zu deren Planung kritische Informationen über die Teilnehmenden gesammelt, dabei unabsichtlich die Datensparsamkeit missachtet und Menschen vielleicht sogar in Gefahr gebracht. Dafür entschuldigen wir uns aufrichtig.

Inzwischen sind strenge Datenschutzprozess in Umfragen etc. integriert. Aktivist:innen werden in keinem Dokument festgehalten, niemand weiß umfassend, wer und wie viele in der Ortsgruppe dabei sind. Werden z.B. bei Klimastreiks Kontakte geknüpft, so werden diese in unseren persönlichen, teilweise verschlüsselten Smartphones abgespeichert, wie etwa Freund:innen und Bekannte auch. Kritische Konversationen finden ausschließlich auf sicheren Plattformen oder im persönlichen Gespräch statt.

Wie steht XR zu anderen Klimagerechtigkeitsbewegungen?

Unsere Positionierung zu anderen Klimagerechtigkeitsbewegungen gründet sich auf unseren Rebellionskonsens: „Wir stehen in Solidarität mit Anderen, die versuchen Veränderungen herbeizuführen und für eine lebenswerte und gerechte Zukunft für alle Lebewesen auf diesem Planeten handeln.“

Dies umfasst selbstverständlich Fridays for Future und alle weiteren for-future-Gruppierungen, Ende Gelände, die Aktivist:innen im Hambacher Forst etc., deren Engagement wir sehr wertschätzen!

Leider übersteigt die Bewegungsarbeit oft unsere momentanen Kapazitäten, weshalb ein distanzierter Eindruck entstehen kann. Dies ist nicht unsere Absicht und tut uns leid.

Abschließend

Wenn ihr unsere Vision teilt, aber nicht von unseren Taktiken überzeugt seid, ist dies vollkommen in Ordnung. Auch wir erkennen Wege neben unserem an.

Wenn ihr Euch unserer Strategie anschließen wollt, seid ihr bei unseren Aktionen und/oder in der Ortsgruppe herzlich willkommen.

Bitte bedenkt, dass wir auch Menschen mit Gefühlen sind. Deshalb bitten wir Euch, dass Ihr Euch bei Unsicherheiten oder Anregungen bezüglich XR direkt an uns wendet, damit wir zeitnah reagieren können. Sprecht also gerne mit unseren vielen aktiven Rebell:innen, wenn ihr mehr über unsere Werte, Forderungen und Strategie erfahren wollt. Der Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Fridays for Future ist uns sehr wichtig. Denn nur gemeinsam können wir eine Welt schaffen, in der in Zukunft alle Lebewesen wachsen, gedeihen und diesen unseren wunderbaren Planeten in Frieden miteinander bewohnen können.

In Liebe, Mut und Solidarität,

Extinction Rebellion München