FAQs

Uns erreichen in letzter Zeit Positionen (zu uns), die uns z.T. mit Sorge und Frust erfüllen. Wir verstehen uns als Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung und bitten deshalb um Euer offenes Ohr. Wir beantworten an dieser Stelle deshalb ein paar häufig aufkommende Fragen:


Bringt XR Aktivist:innen in Gefahr?

Der aus unserer Sicht schwerwiegendste Vorwurf lautet, XR bringe Aktivist:innen in Gefahr, einerseits durch mangelnde Aufklärung vor Aktionen, und andererseits durch mangelnde Unterstützung bei rechtlichen Konsequenzen nach Aktionen.

Teil der Strategie und der Prinzipien von XR ist es explizit, dass wir mit unserem Namen für die Aktionen einstehen, die wir durchführen, und die Konsequenzen bewusst in Kauf nehmen. Welche Konsequenzen das sein könnten ist oft vorhersehbar, und Aktivist:innen werden darüber aufgeklärt und dazu angehalten, nur bei solchen Aktionen mitzumachen, die ihrer persönlichen Risiko- und Opferbereitschaft entsprechen. Die Bandbreite von XR-Aktionen reicht von völlig legal und angemeldet (Level 0) bis zu spektakulären Aktionen zivilen Ungehorsams, bei denen mit ernsten rechtlichen Konsequenzen gerechnet werden kann (Level 3). Zu Aktionen geben wir jeweils deren Risikolevel an. Siehe hierzu Informationen zum Risikolevel und XR Rechtshilfebroschüre mit ausführlichen Informationen rund um Aktionen zivilen Ungehorsams. Die Konsequenzen einer Aktion müssen nicht von einzelnen Aktivist:innen allein getragen werden, denn es gibt ein Legal Team, das bei der Bewältigung rechtlicher Konsequenzen hilft, und auch Bußgelder müssen nicht allein getragen werden. Zitat aus unserer Rechtshilfebroschüre, S. 39:

„Es gibt viele verschiedene finanzielle Konsequenzen, die aus Aktionen entstehen können: Geldstrafen, Gerichtskosten, Rechnungen für Verwaltungsaufwand oder Schadensersatzforderungen. Mit diesen Kosten lassen wir einander nicht allein.“

Deswegen arbeiten wir auch an einer gemeinsamen Repressionskasse. Wir verheimlichen nicht, dass wir momentan nicht in der Lage sind, alle möglicherweise auftretenden Kosten zu übernehmen. Jede Person, die mit uns in Aktion geht, ist sich dessen bewusst.

Berechtigt ist allerdings die Kritik, dass Extinction Rebellion eine offene Kommunikationsweise durch bspw. öffentlich zugängliche Online-Pads nutzt. Wir sind uns bewusst, dass dies zu einem gewissen Verlust der Sicherheit beitragen kann, müssen aber dennoch versuchen, die Balance zwischen dieser und der Offenheit zu halten. Wir sind eine Massenbewegung. Durch eine geschlossene, schwer zugängliche Kommunikation wird das Ziel der Massenmobilisation nicht erreicht werden können. Zur sicheren Kommunikation werden aktuell bundesweit und international Konzepte entwickelt.

Zur Öffentlichkeit unserer Anmeldung zu bestimmten Veranstaltungen: Selbstverständlich steht es jeder Person frei wie sie sich in diese Pads einträgt (ob mit Pseudonym oder Klarname).


Ist XR naiv gegenüber der Polizei?

Eine häufig angewandte Strategie bei uns ist die Kommunikation mit der Polizei im Vorfeld der Aktion. Dabei erklären wir für gewöhnlich i) wir sind friedlich ii) wir leisten keinen Widerstand bei Räumungen. Selbstverständlich geben wir keine organisatorischen Details, die das Gelingen der Aktion gefährden könnten oder auch Informationen über Organisator:innen, preis. Warum tun wir das? Dies ist eine rein strategische Betrachtung. Um eine Massenmobilisierung zu bewirken, müssen wir bei unseren Aktionen so viel deeskalieren wie nur möglich, um die physische Einstiegshürde in die Aktion geringzuhalten.

Wir sind uns bewusst, dass die Polizei uns dennoch gewaltvoll begegnen kann und wir keine friedliche Räumung garantieren können. Das vermitteln wir auch so in unseren Aktionstrainings.

Zur Kommunikation mit der Polizei bei konkreten Vorwürfen gibt es in der Rechtshilfebroschüre und im “Flowchart: Posteingang nach einer Aktion” Verhaltenshinweise. Ein Zitat aus der Rechtshilfebroschüre zu Vernehmungen, S. 30:

„Alles kann gegen dich und andere verwendet werden. Es ist dein Recht, die Aussage zu verweigern. Lass dich auch nicht auf vermeintlich harmlose Gespräche ein (siehe auch 2.3) Sag auch nicht, was du nicht getan hast. Unterschreib nichts, verweigere alle Maßnahmen und leg einen Widerspruch ein.“

Erwähnen möchten wir außerdem, dass wir Aktionen zivilen Ungehorsams nicht verharmlosen wollen. Wir haben im Zuge des Globalen Klimastreik am 20.09.19 ein angemeldetes friedliches Swarming (kurzzeitige Straßenblockade) veranstaltet. Dieses wurde von uns nur als gefahrlos beworben, weil es angemeldet und genehmigt war. Außerdem führen wir vor jeder Aktion eine Einführung durch, in der wir die Aktion, den Aktionskonsens und mögliche Konsequenzen erklären.


Ist XR unsolidarisch?

Nächster Vorwurf: XR verhalte sich anderen Gruppen gegenüber unsolidarisch. Selbst wenn jemandem unbeabsichtigt ein “Fuck Cops” rausrutsche, während er unter Schmerzen verhaftet werde, zeige sich XR nicht solidarisch.
Das ist schlicht falsch. Hierzu ein Zitat aus dem XR-Buch “Wann, wenn nicht wir*”, S. 164:

„Gerade weil die Polizei nicht alle an einer Aktion des zivilen Ungehorsams beteiligten Personen verhaften kann, gehört es zu den üblichen Taktiken, an einigen wenigen Personen Exempel zu statuieren: Als du aus der Sitzblockade getragen wurdest, hast du versucht, dich zu wehren? Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte! Dabei ist eine Polizistin gestolpert und hat einen Finger umgeknickt? Schwere Körperverletzung!
Für die beschuldigten Aktivistinnen bedeuten solche Vorwürfe oft jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen mit hohen Kosten - für viele andere wirken sie abschrecken oder desolidarisierend. Die Wirkung geht also weit über die Diskreditierung der Einzelperson hinaus.
Es ist wichtig, in solchen Fällen als Bewegung solidarisch zusammenzuhalten, Unterstützung zu leisten, wenn möglich Kosten und Konsequenzen solidarisch zu tragen und in den Aktionen besonders aufeinander zu achten und gemeinsam auch Provokationen vonseiten der Ordnungsbehörden geschlossen und friedlich ins Leere laufen zu lassen.“

Zur Situation in Hamburg gibt es eine Entschuldigung und Erklärung seitens XR Hamburg. Diese Entschuldigung bezieht sich auf die öffentliche Distanzierung von der Gruppe sitzenbleiben. Diese öffentliche Distanzierung halten wir auch in der OG Göttingen für unnötig und begrüßen daher die Entschuldigung von XR Hamburg:

„Moin @sitzenbleibenhh. Wir haben gestern einen unnötig unsolidarischen Tweet über euch und andere Straßen blockierende Aktivist:innen geschrieben, für den wir um Entschuldigung bitten und uns erklären möchten (Thread).“

Außerdem ist es uns wichtig deutlich zu machen, dass XR Hamburg nicht XR Göttingen ist. Dies lässt sich klar aus unserer Dezentralität ableiten (s. nächste Frage). XR Hamburg Twitter spiegelt zudem nicht die XR Hamburg als Ortsgruppe wider.


Hat XR eine zentralistische und autoritäre Struktur?

Nächster Vorwurf: XR habe eine zentralistische und autoritäre Struktur.

Das ist ein Irrtum. Wir haben zwar eine Zentrale in Berlin, die koordinierend wirkt und Gelder verteilt. Trotzdem ist jede Ortsgruppe frei in den Entscheidungen und Rollen können getauscht werden. So arbeiten bspw. Menschen aus Göttingen auch in nationalen Arbeitsgruppen mit.

Unsere Prinzipien, auf die wir uns dabei stützen sind klar. Prinzip 7 und 10 lauten:

(7) Wir überwinden hierarchische Machtstrukturen
(10) Wir stützen uns auf Selbstbestimmung und Dezentralität

Diese Prinzipien ziehen sich, wie beschrieben, durch unsere gesamte Organisation, dem sogenannten “selbstorganisierenden System”, das den Anspruch hat, Macht zu dezentralisieren, transparent und anpassungsfähig zu sein.


Verharmlost XR Rassismus und Sexismus?

Nächster Vorwurf: XR verharmlose Rassismus und Sexismus, und bilde gar eine Querfront mit Rechtsextremen.

Auch das ist ein Irrtum. Unsere Prinzipien sind klar. Prinzip 6 lautet:

(6) Alle sind willkommen - so wie sie sind

Dies gilt für alle. Und jede Person, die bei XR mitmachen möchte, muss auch diesem Prinzip folgen, d.h. wir erwarten von jeder Person diese Offenheit. Das heißt auch: Jeder Mensch ist willkommen, nicht aber jedes Verhalten. Rassistisches und sexistisches Verhalten fällt klar in die Kategorie nicht willkommen.


Abschließend:

Wenn ihr unsere Vision teilt, aber nicht von unseren Taktiken überzeugt seid, ist dies vollkommen in Ordnung. Auch wir erkennen Wege neben unserem an. Ein Zitat aus unserem Aktionskonsens: “Wir respektieren, dass andere Bewegungen sich von uns unterscheiden und in ihren Aktionen gegebenenfalls andere Taktiken und Kommunikationsweisen wählen.” Wenn ihr Euch aber unserer Strategie anschließen wollt seid ihr herzlich willkommen bei unseren Aktionen und/ oder in der Ortsgruppe.

Hier noch ein persönliches Anliegen von vielen Leuten aus unserer Ortsgruppe: bitte bedenkt, dass wir auch Menschen mit Gefühlen sind. Deshalb bevorzugen wir auch das direkte Gespräch nach der Devise “Reden mit” statt “Reden über”. Sprecht also gerne mit unseren vielen aktiven Rebell:innen, wenn ihr mehr über unsere Werte, Forderungen und Strategie erfahren wollt.

Liebe, Mut und Solidarität
Extinction Rebellion Göttingen