Gründung der Projektgruppe: "XR-Kritik: Analyse und Selbstreflexion"

Geschrieben von PG XR Kritik: Analyse und Selbstreflexion am 01.09.2020

Extinction Rebellion ist eine lernende Klimagerechtigkeitsbewegung. Kritik und Selbstkritik sind für uns sehr wichtig. Auf unterschiedlichen Ebenen haben wir* uns bereits mit Kritiken produktiv auseinandergesetzt.

Dabei haben wir* von unseren Kritiker:innen viel gelernt. Zu Recht wurden wir bspw. von vielen darauf hingewiesen, dass junge Bewegungen ihre Abgrenzung nach rechts kontinuierlich und deutlich klarstellen sollten. Und dass das XR Grundprinzip „Alle sind willkommen“ so weit ausformuliert werden musste, dass es diesbezüglich keinen Raum für Fehlinterpretationen (mehr) zuließ.

Um die (selbst-)kritische Reflexion auf Dauer zu stellen und zu intensivieren, haben wir* eine neue Projektgruppe ins Leben gerufen. Diese Gruppe hat die Aufgabe, sich aus akademischer Perspektive mit Kritiken auseinanderzusetzen. Ziel ist es, in ein intensives Gespräch mit unseren Kritiker:innen zu kommen und daraus neue Handlungsperspektiven für die Bewegung zu formulieren. Eine bloße Verteidigung liegt uns fern. Eine solche Auseinandersetzung mit Kritiken wird theoriehaltig sein. Wir hoffen jedoch, dass es uns gelingen wird, die mit den Kritiken verbundenen Theorie-Debatten in ihren Grundzügen auch immer wieder allgemein verständlich nach außen und innen zu vermitteln.

Mit folgenden Arbeitsfeldern wollen wir u.a. beginnen: Wenn wir vom Klima- und Umweltschutz sprechen, dürfen wir von Ungerechtigkeit nicht schweigen. Die ökologische Krise und die Klimakrise sind untrennbar mit der Geschichte und Gegenwart von Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus verwoben. Jede Bewegung ist auf unterschiedliche Art und Weise in diese Geschichte verstrickt. Die ökologische Krise ist eine Krise der sich ausbreitenden Ungerechtigkeiten. Aus diesem Grund wird sich die PG ausführlich mit Fragen und Anfragen an XR befassen, die sich aus der Perspektive der Klimagerechtigkeit ergeben. Es wird zu fragen sein, inwiefern die Bewegung in Deutschland und Europa ungewollt Denkmuster und Verhaltensweisen reproduziert, die Ungerechtigkeiten eher zementieren, statt sie aufzubrechen.

XR beruft sich auf „die Wissenschaft“. Es gibt aber nicht „die Wissenschaft“, wie Kritiker:innen zu Recht sagen. Wissenschaft gibt es nur im Plural. Wir* möchten deshalb mehr darüber nachdenken, wie Menschen wissenschaftsmündig werden, um gute von schlechter wissenschaftlicher Praxis zu unterscheiden. Gerade der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass Wissenschaftler:innen sich oft auch in den Dienst von Kolonialismus und Patriarchat gestellt haben. Die wissenschaftlichen Quellen, auf die XR sich bezieht, sind stets aufs Neue kritisch zu befragen.

Um zu handeln, müssen Menschen emotional angesprochen werden. Das versucht XR mit verschiedenen Aktionen und auch ästhetischen Praktiken. Kritiker:innen warnen vor der Gefahr, dass die Emotionalisierung letztlich die Vernunft ausschalten könnte. Wie also sieht die Verhältnisbestimmung zwischen Vernunft und Emotionen aus?

In der medialen Öffentlichkeit wird hier und da der Vorwurf erhoben, XR sei Ausdruck eines „Ökopopulismus“. Populismus wird in der Forschung als eine Bewegung bezeichnet, die beansprucht, das „anständige Volk“ zu repräsentieren, das gegen eine vermeintlich korrupt-elitäre Regierung in Stellung gebracht wird. XR steht für eine Systemkritik, die Strukturen hinterfragt, sich aber weigert einzelne Menschen oder Gruppen dafür allein verantwortlich zu machen. Solche Gesten korrespondieren häufig mit gegebenen Diskriminierungsverhältnissen wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus etc. und verstärken diese mitunter. Auch versteht die Bewegung sich nicht als Repräsentation „eines Volkes“. Dennoch: Auch für XR gilt, dass Mitglieder der Versuchung erliegen, sich als bessere Menschen zu sehen. Diese Versuchung kann zum Einfallstor des Populismus werden. Darüber muss immer wieder neu selbstkritisch nachgedacht werden.

Die PG wird sich des Weiteren u.a. mit den von Kritiker:innen aufgeworfenen Fragen befassen, inwiefern eine dezentrale Struktur die Ablehnung von Verantwortlichkeiten begünstigt, inwiefern die Rede vom „Aussterben“, Ängste produziert, die Handeln eher blockieren statt es freizusetzen – eine Anfrage, die wissenschaftlich umstritten ist.

In der PG werden wir* uns mit Kritiken, aber nicht mit Diffamierungen befassen. Diffamierungen treten oft unter dem Deckmantel der Kritik auf. Sie bedienen sich verschiedener Diskreditierungs- und Diskriminierungsmethoden. Diskriminierungen würden wir durch respektvolle Reaktionen nur verstärken. Das ist mit XR unvereinbar. Beispielhaft verweisen wir an dieser Stelle auf die Diffamierungen von Jutta Ditfurth. Ditfurths Kritik gründet in Halbwahrheiten und Unterstellungen. Sie maßt sich das Recht an, Deutungshoheit über andere Menschen, die sie kritisiert, auszuüben, indem sie diese in die von ihr konstruierte Identität einsperrt. Dazu benutzt sie Versatzstücke – oft aus XR UK –, mit denen sie ihr Bild von XR Deutschland als „Weltuntergangssekte“ zeichnet. Für Ditfurth sind Andersdenkende (Menschen, die biozentrisch, tiefenökologisch, spirituell etc. denken) immer gleich Rassist:innen und Faschist:innen. Selbstverständlich besitzen biozentrische, tiefenökologische und religiöse Wahrnehmungen gefährliche Fallstricke. Diese gilt es aufzudecken! Statt jedoch darüber zu reflektieren, diskriminiert Ditfurth nicht nur andere Menschen, sondern relativiert dadurch auch den Faschismus. Deshalb werden wir auf die „Kritiken“ von Jutta Ditfurth nicht mehr reagieren.

Die Ergebnisse der PG werden in Artikeln, auf Blogs und in Büchern veröffentlicht.