Stellungnahme und Entschuldigung

Am 20. November veröffentlichte die Wochenzeitung ZEIT online Aussagen des Briten Roger Hallam, in denen dieser die Shoah als "just another fuckery in human history" bezeichnete und in eine Reihe von Genoziden stellte - mit dem Ziel, die sich abzeichnende globale Klimakatastrophe als größere und dringlichere Gefahr darzustellen. Am folgenden Tag veröffentlichte das Magazin Der Spiegel weitere Interview-Aussagen, in denen Hallam seine Auffassung präzisierte, der Klimawandel sei ein intergenerationaler Genozid. Der Spiegel zitierte ihn mit dem Satz "Klimawandel ist nur das Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließt." Roger Hallam ist eine der Gründungsfiguren und bislang vielleicht der prominenteste Sprecher von Extinction Rebellion - der Bewegung gegen den ökologischen Kollaps, der wir angehören.

Deutsche Ortsgruppen und AGs von Extinction Rebellion haben sich bereits zuvor von diesen Worten Hallams in der ZEIT distanziert.

Wir waren um so entsetzter, die weiteren Aussagen Hallams im Spiegel lesen zu müssen. Wir erkennen, dass diese Aussagen kein Versehen sind und nicht auf Unwissenheit der deutschen Öffentlichkeit beruhen, sondern einen kalkulierten populistischen Tabubruch darstellen, der den deutschen Teil von Extinction Rebellion dazu zwingen soll, sich im Einsatz gegen die Klimakatastrophe moralisch zu radikalisieren und politisch zu entgrenzen. Wir müssen auch feststellen, dass dieser Vorstoß Hallams Teil einer politischen Strategie ist, die sich auch in anderen kontroversen Äußerungen Hallams oder im Manuskript seines vom Ullstein-Verlag kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogenen Buches "Common Sense in the 21st Century" finden lassen - einer Strategie der Bildung von Allianzen zwischen liberalen und autoritären Kräften, einer Querfront von linken und rechten Haltungen. In diesem konkreten Fall: einer Einbindung von antisemitischen Positionen in die Rebellion gegen "die da oben".

Wir entschuldigen uns

Es ist für uns durch die erneuten Äußerungen Roger Hallams unabdingbar geworden, unseren Distanzierungen und Verurteilungen eine ausführlichere Stellungnahme folgen zu lassen. Wir sind nicht nur fassungslos ob Hallams in deutschen Wochenzeitungen geäußerten Haltungen, die wir für geeignet halten, nicht nur Extinction Rebellion als Ganzes zu diskreditieren, sondern auch andere Klimagerechtigkeitsbewegungen im öffentlichen Diskurs massiv zu beschädigen. Wir sind auch bestürzt und traurig über den Schaden und die Verletzungen, die seine Äußerungen bereits jetzt verursacht haben. Wir möchten uns für diese Auswirkungen entschuldigen - bei den jüdischen Menschen in unserem Land und auf der Welt und bei allen anderen Menschen, die Angehörige, Geliebte und Freunde in Genoziden verloren haben und deren Trauer, deren Schmerz und deren Wut durch die zynische Vereinnahmung und Relativierung in Hallams Interviews verächtlich gemacht werden.

Obwohl Roger Hallams Aussagen in keiner Form mit uns abgesprochen waren, fühlen wir uns beschämt von seinen Sätzen. Wir wissen, dass Roger weiß, dass er durch seine Position als Gründungsfigur Extinction Rebellion Anspruch erheben kann und zugestanden bekommt, in unserem Namen zu sprechen. Dass er auch in unserem Namen die Verbrechen der Shoah, die von unserem Land ausgingen (für die unser Land verantwortlich ist), auf eine zynische Art und Weise dafür benutzt hat, um vor der Klimakatastrophe zu warnen.

Angst vor der Klimakatastrophe rechtfertigt keine AfD-Rhetorik

Wir wären nicht bei Extinction Rebellion, wenn wir keine Angst vor dieser Klimakatastrophe hätten. Wegen dieser Angst sind wir zu Aktionen zivilen Ungehorsams bereit, um die Politik zum Handeln gegen diese Katastrophe zu bewegen. Ja, wir haben auch Angst vor dem Leid und dem Tod, die eine ungehinderte Fahrt in diese Katastrophe weltweit verursachen kann und deren Warnzeichen wir bereits heute sehen. Unsere Angst ist nicht nur die Angst um uns selbst, sondern die Angst um alle - aus ihr leiten wir unser Recht und unsere Pflicht zum Handeln ab.

Gerade deswegen aber halten wir den Vergleich zwischen den möglichen Schrecken eines ungemilderten Zusammenbruchs unserer ökologischen Lebensgrundlagen und dem industriellen Massenmord an Millionen von Jüd*innen, ebenso wie der planvollen Vernichtung von Roma und Sinti, psychisch und physisch Kranken, Homosexuellen, Obdachlosen, politischen Häftlingen und anderen als “unwertes Leben” klassifizierten Menschen für grundfalsch. Er ist falsch in der argumentativen Vernutzung historischen Leids für die Warnung vor möglichem Leid. Er ist falsch in der verschwörerisch raunenden Suggestion, dieses mögliche Leid wäre wie die Shoah Folge einer planvollen Vernichtungspolitik. Er ist falsch in seinem zynischen Argument, “die Deutschen” sollten sich vom “Trauma” eines Massenmordes befreien, den sie selbst betrieben haben – ein Argument, das Täter mit Opfern vertauscht und einmal mehr diejenigen symbolisch auslöscht, die tatsächlich mit diesem Trauma zu leben haben.

Was uns besonders bestürzt, ist der Umstand, dass Roger Hallams medial weit vervielfältigte Aussagen an zu vielen Orten Diskussionen darüber angestoßen haben, ob und wann die Relativierung des Holocaust gerechtfertigt sei oder nicht – Diskussionen, die uns den tatsächlichen drängenden Problemen nicht näher bringen, sondern nur jenen nutzen, die auch heute gegen Jüd:innen in Deutschland und auf der ganzen Welt hetzen, sie beschimpfen, sie angreifen und sie töten, nur weil sie Jüd:innen sind. Es sind auch diese unsäglichen Diskussionen, für die wir uns entschuldigen.

Quo Vadis XR

Wenn wir es nicht schaffen, in einem Land und in einer Welt, in der nach wie vor jüdische Einrichtungen täglich vor Angriffen geschützt werden müssen, ohne derartig verletzende und verächtliche Vergleiche und Strategien gegen eine Klimakatastrophe zu mobilisieren, die alle Menschen auf der ganzen Welt betrifft und deren Bekämpfung gleichermaßen alle Menschen einbeziehen und anerkennen muss – gleich welchen Glaubens, welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welcher Fähigkeiten und welcher Klasse –, wenn wir dies nicht schaffen, dann ist unsere Rebellion die Prinzipien nicht wert, auf denen zu basieren sie vorgibt.

Der Text wurde von einer bundesweiten Gruppe verfasst. Er entspricht den Gefühlen und Gedanken der OG Freiburg.