XR-Aktivist:innen erkennt man nicht an schwarzer Kleidung

Geschrieben von Lexie am 04.06.2021

27. Mai 2021. Extinction Rebellion (XR) hat einen bundesweiten, dezentralen Aktionstag zur Klimaberichterstattung geplant – unter anderem in Düsseldorf, wo eine Woche zuvor auch eine Blockade des Landtags stattfand. Doch bereits bei der Anreise in die NRW-Landeshauptstadt zeigt sich, dass der Tag ganz anders laufen wird als gedacht. Ein Erfahrungsbericht. 

„Die Polizei ist überall“ – Schon in der Bahn erfahren wir, dass Team Blau viele Bereiche in Düsseldorf breitflächig durchkämmt. In der Nähe des Treffpunkts teilen wir uns in Kleingruppen auf. Mein Buddy und ich durchqueren die Polizeikontrollen, ohne aufgehalten zu werden (wir passen wohl nicht ins Aktivist:innen-Schema), beobachten aber, dass die ersten Rebell:innen direkt aufgehalten und durchsucht werden („weil Sie schwarze Kleidung tragen“, so die Polizei). Später erfahren wir, dass die Aktivist:innen (und wahrscheinlich alle anderen Menschen in schwarzer Kleidung?) einen Platzverweis für ein großes Gebiet rund ums Regierungsviertel erhalten haben.

Ein neuer Treffpunkt wird vereinbart. Doch auch dort: großes Polizeiaufgebot. Erneut durchqueren wir zwei unbemerkt die Kontrollen, während andere festgehalten werden („weil Sie eine Isomatte tragen“ – oder ist es eine Yogamatte?). 

Wir finden einen neutralen Treffpunkt. Lagebesprechung, während wir auf die anderen warten. Sie kommen spät. Bei der Kontrolle gab es Probleme. Die Person sei nicht am angegebenen Wohnort gemeldet. Letztlich war es nur ein Schreibfehler der Polizei. Platzverweise auch hier. 

Planänderung. Wir ziehen mit Rebell:innen aus anderen Ortsgruppen zum ZDF-Landesstudio. Das liegt außerhalb der Sperrzone. Die Studioleiterin ist bereit zu einem Gespräch. Ohne Videokamera. Das ZDF berichte doch viel mehr über das Klima als die übrigen Medien, wundert sie sich über unser Anliegen. Das ist schon richtig, aber auch die ZDF-Berichterstattung wird der Klimakrise nicht gerecht. Wir fordern Klimaberichterstattung zur Prime Time.

„Wir machen aber Berichterstattung für alle“, erklärt sie. „Das Thema interessiert nicht die ganze Bevölkerung.“ „Aber das Klima betrifft uns doch alle“, entgegnet ein Aktivist. Wirklich ernst genommen fühlen wir uns nicht, zumal wir konsequent geduzt werden, obwohl viele Aktivist:innen deutlich älter sind als die Studioleiterin selbst. Trotzdem: Wir sind dankbar für das spontane Gespräch und die Offenheit. 

Wir ziehen weiter zum Handelsblatt, gehen gemeinsam in das Gebäude. Die Gebäudemanagerin bittet uns zu gehen – wegen Corona: „Nur eine Person darf bleiben, alle anderen müssen raus, sonst rufe ich die Polizei!“ Eine Aktivistin bleibt, sie darf mit zwei Handelsblatt-Redakteurinnen reden. Wir anderen verlassen das Gebäude. 

Nach einem kurzen Gespräch kommen die drei zu uns. Die Aussagen kommen uns bekannt vor: „Wir berichten doch schon viel über das Klima. Und wir stellen auch immer wieder Start-ups vor, die nachhaltige Lösungen entwickeln.“ Technische Lösungen werden uns nicht retten. Und überhaupt: Muss nicht auch unser Wirtschaftssystem selbst in Frage gestellt werden? „Wenn ein Redakteur das schreiben will, dann drucken wir das auch“, betont die Leiterin Journalismus Live. Wir bekommen einen Stapel Handelsblätter geschenkt, bedanken uns für das Gespräch und gehen zum nächsten Bahnhof. Es ist spät. Wir wollen heim. 

Auf dem Aufgang zur Brücke sehen wir eine Handvoll Polizeiwannen in unsere Richtung fahren. Wollen die zu uns? Einige Aktivist:innen fangen an zu rennen. Mein Buddy und ich gehen ruhig weiter. Am Bahnsteig werden vier von uns eingekesselt. Es kommt eine Bahn. Wir steigen ein, lassen aber eine Person zurück, die die Lage am Bahnsteig beobachtet und uns auf dem Laufenden hält. 

An der nächsten Haltestelle steigen wir aus – checken, wie es den Zurückgebliebenen geht. „Eine Person wird festgehalten, aus welchem Grund ist nicht ersichtlich“, berichtet der Beobachterposten.

Dann tauchen auch bei uns immer mehr Polizist:innen auf. Die nächste Bahn hat fünf Minuten Verspätung. Endlich können wir einsteigen und uns in Kleingruppen in den Waggons verteilen. Team Blau hält die Bahn an, alle Wagen werden durchkämmt. „Alle, die an der Demonstration beteiligt waren, steigen bitte aus.“ Zwei Polizist:innen bauen sich vor uns auf. „Sie kommen bitte mit raus“. „Ich auch?“, fragt eine ältere Dame, die uns gegenübersitzt, sichtlich verängstigt. „Nein, Sie dürfen sitzenbleiben.“ 

Ich werde von vier Polizist:innen abgeführt. Um mich herum sehe ich nur blau. Rund 40 Polizist:innen. Sieben Aktivist:innen. „Was wird uns denn vorgeworfen?“, frage ich. „Es wurden Aktionen von Extinction Rebellion angekündigt. Wir nehmen Ihre Personalien auf, um zu prüfen, ob Sie an Straftaten beteiligt waren“, erklärt ein Polizist. (Den anderen Aktivist:innen gegenüber wurde die Aktion durch eine unangekündigte Versammlung begründet. Nun gut.)

„Waren Sie bei einer Demo?“, fragt eine Polizistin. Ich antworte nicht. „Sie müssen darauf nicht antworten“, ergänzt sie schließlich. Ich weiß. 

„Geben Sie mir bitte Ihren Personalausweis.“ 

„Dürfen Sie das?“ 

„Ja.“ 

„Wir möchten jetzt Ihren Rucksack durchsuchen.“ 

„Ich gebe zu Protokoll, dass ich dem widerspreche.“ 

„Ok.“ 

Der Polizist durchsucht meinen Rucksack.

„Und, hatte sie Demo-Material dabei?“, fragt sein Kollege. 

„Nein, nur Essen.“ Als Veganerin habe ich immer Angst zu verhungern.

Die Polizistin bittet mich, die Taschen zu leeren. 

„Haben Sie Waffen dabei?“ 

„Nein.“ 

„Könnte ich mich an irgendetwas verletzen, wenn ich Sie durchsuche?“ 

„Nein.“ 

Sie klopft mich vorsichtig ab: Keine Waffen. Wir sind eine strikt gewaltfreie Bewegung – sowohl in unserem Handeln und als auch in unserer Kommunikation. Wir stehen mit unserem Gesicht und unserem Namen zu dem, was wir tun, und verhalten uns bei allen polizeilichen Maßnahmen friedlich. Bei XR sind alle Menschen willkommen, die unsere Werte und Prinzipien teilen – ganz egal, welche Farbe ihre Kleidung trägt. Ob sie das weiß?

Eine Aktivist:in verwickelt die Polizistin in ein Gespräch. „Kennen Sie Extinction Rebellion? Wissen Sie, was wir fordern?“ Sie sprechen über die Klimakrise, über Ende Gelände und die Verhältnismäßigkeit der Polizeimaßnahmen dort. Sie könne in Teilen schon nachvollziehen, was wir wollen, erklärt die Polizistin. 

Die Polizei hat auch einen jungen Mann aus der Bahn geholt, den wir noch nie gesehen haben. „Dieser Mensch gehört nicht zu uns“, versichert meine Freundin. „Ich sage Ihnen die Wahrheit, den kennen wir nicht. Lassen Sie ihn bitte gehen.“ Das gehöre dazu, der müsse da durch. „Aber müssen Sie ihn an den Einsatzwagen drücken und durchsuchen?“ – „Standardprozedere.“

Wir warten, während ein Polizist nach und nach alle Personalien prüft. Eine Polizistin macht Fotos von uns. „Ich möchte nicht, dass Sie ein Foto von mir machen“, erklärt ein Aktivist. „Zu spät“, erwidert sie nur. 

Nachdem die Personalien überprüft sind, werden wir in Kleingruppen zusammengerufen. Wir bekommen Platzverweis bis in die Morgenstunden. Etwa 15 Straßen werden genannt. Ich kenne kaum eine davon. 

„Wenn wir Sie in diesem Gebiet innerhalb der nächsten Stunden antreffen, nehmen wir Sie in Gewahrsam, haben Sie das verstanden?“ 

„Ja, aber wir kommen nicht von hier – wo genau liegt denn das?“ 

„Wissen wir auch nicht, wir sind aus Bonn.“ 

„Liegt der Hauptbahnhof in der Sperrzone?“ 

„Ja, das könnte schon sein.“ 

„Und wie kommen wir nach Hause?“ 

„Zum Bahnhof dürfen Sie. Nur wenn sie sich auf dem Vorplatz versammeln, nehmen wir Sie in Gewahrsam.“ 

„Ok, dürfen wir den Zettel haben?“ 

„Nein, ich habe nur den einen und muss den noch an andere verteilen.“ 

„Wie sollen wir uns das denn alles merken? Wir sind doch nicht ortskundig.“ 

„Na, Sie wollen doch eh nur nach Hause.“ 

(Später berichtet eine Aktivistin mir, dass sie von einer Polizistin als „begriffsstutzig“ bezeichnet wurde, weil sie als Ortsunkundige nicht verstanden hat, wo der Platzverweis genau gilt: „Ich habe Ihnen alle Straßen vorgelesen und wenn Sie sich das nicht gemerkt haben, ist das Ihre Schuld.“)

Endlich dürfen wir gehen. Durchnässt und erschöpft treffen wir am Hauptbahnhof an. „Künftig gehe ich nur noch im Anzug auf XR-Aktionen in Düsseldorf“, witzelt eine Rebellin, die wegen ihrer Kleidung aufgehalten wurde.

Ein Aktivist liest die dpa-Meldung vor: „Starkes Polizeiaufgebot wegen Extinction Rebellion. Mehrere Hundertschaften bewachten am Donnerstag das Regierungsviertel. Es ist aber alles friedlich geblieben.“ Wir stehen in den Schlagzeilen. Und in den Akten der Polizei. Wofür eigentlich? Weil einige von uns schwarze Kleidung tragen?