The Revolution is Love

Geschrieben von Gastautor Roman Maas am 30.05.2020


„Was kann XR von Charles Eisensteins Einsichten lernen?“, fragt Roman Maas. Er hat sich mit einem Vortrag auseinandergesetzt, den der Autor und Philosoph im Herbst 2019 auf dem XR Climate Camp in Berlin hielt und gibt uns einen Überblick über zentrale Gedanken dieser Rede. [1]

Jens Wazel

Charles Eisenstein bei einem Vortrag auf dem XR Climate Camp, Oktober 2019, Berlin



Einer Weltgeschichte, die von Dominanzbestrebungen, Egoismus und der Trennung von Mensch und Natur beherrscht ist, stellt Charles Eisenstein die Geschichte der Verbundenheit und das Bild eines lebendigen Planeten entgegen. Er hinterfragt das System auf der Ebene der Narrative. Eisenstein bewundert die XR-Bewegung, ihre Spontanität und die friedliche globale Vision dahinter. Für ihn ist XR nicht bloß eine Organisation, die etwas gegen die globale Klimakrise tun will, sondern eine Manifestation einer tiefen Sehnsucht nach einer neuen, besseren Welt.

Aber er kritisiert auch einige Elemente des politischen Aktivismus, die für ihn noch Teile der alten Geschichte der Abtrennung sind. Dazu gehören die Beanspruchung einer „Wahrheit“, das Stellen von Forderungen und die Verwendung von Kriegsrhetorik. Solche Denkmuster führen für ihn dazu, dass man sich über andere erhebt und Feinde schafft. Mit der Errichtung von Feindbildern wird immer mehr Wert auf die Bekämpfung und immer weniger auf das Erreichen der eigentlichen Sache – eine bessere, gerechtere Welt – gelegt. Die Kriegsmentalität der Revolutionäre spielt den Autoritäten in die Karten, denn Dominanzbestreben und Machtspiele gehören zu ihrer Geschichte.


Wer ist Charles Eisenstein?

Charles Eisenstein ist ein US-amerikanischer Philosoph, Sprecher und Autor. Er hat in Yale Abschlüsse in Mathematik und Philosophie gemacht und hat lange in Taiwan als Chinesisch-Übersetzer gearbeitet. Seine Ideen drehen sich um die These, dass der Ursprung und die Lösung der gesellschaftlichen Probleme darin liegen, dass wir seit Jahrhunderten einer Geschichte der Trennung (Story of Separation) folgen, anstatt uns als Gemeinschaft innerhalb eines planetaren Ökosystems zu sehen.

Er glaubt, dass wir auf dem Weg sind, eine neue Geschichte zu schaffen, eine des positiven Miteinanders, der Verbundenheit (Story of Interbeing). Konkret ist er unter anderem Befürworter einer Schenkungs-Ökonomie, einer Restorative Justice und eines integrierten Naturbezugs. Kriegerische und konfliktbezogene Rhetorik und „Kampfmentalität“ lehnt er ab – auch beim Aktivismus. Bei der Occupy-Bewegung war er ein einflussreicher Visionär und Ideengeber.


Alte und neue Geschichte

Eines der Kernkonzepte von Eisenstein ist, dass wir uns die Welt mit Hilfe von Geschichten erklären. Historien, Ideologien, persönliche Meinungen – alles Geschichten, die Antworten auf existenzielle Fragen wie „Wer bin ich?“ „Was ist die Realität?“ „Was machen wir hier?“ anbieten. Dabei haben wir Menschen uns seit Jahrhunderten auf eine Geschichte der Abspaltung ("Story of Separation") eingelassen. Demnach sehen wir uns als Individuen von anderen Wesen und der Umwelt getrennt. Solch eine Geschichte führt zu einem Dominanz- und Eroberungsdenken: Alles, was nicht Ich ist, ist nebensächlich, oder potenziell gefährlich. Das Ergebnis sind Eroberungsfeldzüge gegen Mensch und Natur, Kriege und massenhafte Armut. Dieses kollektive Narrativ hat zwar auch für Fortschritte gesorgt, aber wir sind nun als Menschheit an einem Punkt angelangt, an dem die Geschichte der Abspaltung immer weniger sinnvolle Antworten zu bieten hat – politisch, ökonomisch, technologisch und für unser Verhältnis zur Natur.

Dem gegenüber stellt Eisenstein die Geschichte der Verbundenheit, die Story of Interbeing. Mit Interbeing ist gemeint, dass wir mehr als einzelne Individuen sind. Vielmehr ist das Wohlbefinden eines Menschen untrennbar verbunden mit dem Wohlbefinden der anderen. Das beinhaltet nicht nur Personen im näheren Umfeld, sondern weltweit und dazu Tiere, Pflanzen und alle anderen Organismen, auch Ökosysteme. Wenn es Flüssen, Wäldern, Bergen und Ozeanen nicht gut geht, wie soll die Menschheit dabei aufblühen? Geht es einzelnen „reichen“ Menschen wirklich gut, die sich in einem Land abgeschottet haben, in dem das Elend herrscht?

Bewegungen wie XR haben für Eisenstein begriffen, dass auf tiefster Ebene etwas falsch mit der Welt läuft. Es herrscht ein Gefühl, dass die Welt anders sein sollte als sie ist. Die Zeichen für ein erkranktes System sind unübersehbar: soziale und politische Probleme weltweit, der Verlust der Artenvielfalt, Raubbau und die Verschmutzung von Luft und Wasser. Und was ist mit massenhaften Zivilisationsleiden wie Depressionen, Angstleiden, Vereinsamung und Drogenmissbrauch? Sind das alles Probleme, die wir losgelöst von Klimakrise und Artensterben betrachten sollten und deren Lösungen abgespalten davon sind?


Unser Planet lebt!

Die tieferliegenden Ursachen für die globale Krise sind für Eisenstein in der vorherrschenden Sicht auf den Planeten zu suchen. In den letzten Jahrhunderten wurde die Erde wie eine Ansammlung von Ressourcen betrachtet, die man ohne Restriktionen abbauen kann – was natürlich ein Trugschluss ist. Eisenstein nennt dies eine geomechanische Sicht auf die Welt, bei der alles auf physikalische Phänomene reduziert wird und die Natur im Grunde genommen so leblos wie ein Handwerkzeug ist oder sogar erobert werden muss.

Wenn wir hingegen den Planeten als einen lebendigen Organismus betrachten, mit dem wir untrennbar verbunden sind, würden wir uns ganz anders auf ihm verhalten. Auf einem lebenden Planeten hat jedes Lebewesen eine Funktion zu erfüllen, egal wie groß oder klein es ist. Wölfe reißen nicht blindlings Wild, sondern tragen durch Bestandsbegrenzung zur Erhaltung des Unterholzes bei. Pilze existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern ermöglichen den Kreislauf von Leben und Tod in der Natur und bilden ein Kommunikationsnetzwerk zwischen den Pflanzen. Würden wir nicht anders mit Wäldern, Böden und Ozeanen umgehen, wenn wir sie als essenzielle und sensible Gewebe und Organe für den planetaren Superorganismus begreifen, dessen Teil wir sind?

Solche für das Leben elementaren Interaktionen lassen sich kaum in Zahlen ausdrücken. Eisenstein kritisiert an dem derzeitigen Handling der Klimakrise, dass zu viel quantifiziert, also zu viel Wert auf nackte Zahlen gelegt wird. In der Welt des Geldes und der Technologie mag dies funktionieren, aber für die Heilung des Planeten kann solch ein Maßstab trügerisch sein. Die Reduktion der Lösung des Klimawandels auf die Senkung abstrahierter CO2-Zahlen kann fatal sein, wenn sich sonst nichts ändert. Das zeigt sich unter anderem in der Tatsache, wie sich zerstörerische Konzerne per Emissionshandel freikaufen können, ohne viel an ihrem Handeln zu ändern.


Forderungen sind Drohungen

Eisenstein sieht einige grundlegende Werkzeuge des politischen Aktionismus kritisch, da sie für ihn noch zur alten Geschichte der Abtrennung gehören. So haben fast alle revolutionären Bewegungen – auch XR – Forderungen aufgestellt. Hinter einer Forderung, im Gegensatz etwa zu einer Bitte, steht immer Druck in Form von Bestrafung. Politische Forderungen sind Formen von Drohungen, bei denen impliziert wird: „Wenn ihr diese Forderungen nicht erfüllt, dann … (wird etwas Schlimmes passieren)!“ Wer sich weigert, diese großen Forderungen zu erfüllen, oder sie als unrealistisch abtut, gilt schnell als Gegner. Auch bei Bewegungen, die sich als gewaltlos verstehen, ist es möglich, dass dieser Konflikt zu Selbstgerechtigkeit auf Seiten der Aktivisten führt. Bei gesellschaftlicher Disruption, Störungen und Blockaden des öffentlichen Lebens wird die gewohnte Alltagswelt der Bürger unterbrochen und für „die Sache“ geopfert. Je mehr sich Aktivisten über die anderen Bürger erheben, desto mehr sehen sich die Autoritäten im Recht, Gewalt anzuwenden. Oft genug ist in der Vergangenheit darauf eine Spirale von Polizeigewalt und demonstrativer Gegengewalt gefolgt – was niemandem nutzt. Dazu kommt, dass sich die öffentliche Diskussion immer mehr auf den Konflikt und immer weniger auf die eigentliche Sache konzentriert. Auf Dauer kann dies nur in Verlust von Zustimmung in der Bevölkerung enden. Die Autoritäten wissen das und können es drauf ankommen lassen – denn, wenn sie etwas beherrschen, dann Machtspiele. Das ist die alte Geschichte.

So gut wie jede politische Bewegung glaubt, im Besitz einer „Wahrheit“ zu sein. Wer diese nicht teilt, ist diesem Denken nach entweder ein Feind oder einfach nicht aufgeklärt. Eisenstein plädiert dafür, andere Formen der Kommunikation als „Forderungen“ zu nutzen - Formen, die mehr auf Mitgefühl basieren und weniger zu Dominanzdenken und Konfrontation führen.

Konkret bedeutet dies Integration anstelle von Konfrontation. Menschen in Machtpositionen haben auch Visionen von einer besseren Welt, die vielleicht gar nicht so unähnlich von denen der Aktivisten ist. Aber sie sehen sich oft nicht fähig, etwas innerhalb dieser Maschine zu verändern. Es ist die Angst vor großen Umstellungen, vor Stimmen- und Geldverlust und Gegendemonstranten, die diese vermeintlich mächtigen Menschen handlungsunwillig machen. Man muss also einander Mut machen, um Veränderungen durchzusetzen. Das gilt auch für Menschen, die sich in anderen Bereichen als dem Umweltschutz engagieren, diese sind nicht weniger wichtig.


Prioritäten

Charles Eisenstein sagt nicht, dass Demonstrationen und aufsehenerregende Aktionen nicht essenziell für einen Wandel sind, natürlich muss auf die Straße gegangen werden. Auch sollte nach wie vor an jeder möglichen Stelle an Treibhausgasen gespart werden. Nur dürfen CO2-Zahlen und Temperaturwerte nicht zum Maß aller Dinge werden, während gleichzeitig die Kluft zwischen den Menschen tiefer wird. Eisenstein schlägt vor, folgende Ziele und Maßnahmen mit Priorität zu verfolgen:

1. Schutz und Erhaltung der verbliebenen Regenwälder und unversehrten Ökosysteme (Grasländer, Korallenriffe, Mangrovensümpfe ...):

Diese Quellen der Biodiversität sind unersetzlich für die Heilung des Planeten. Im Narrativ der lebenden Erde sind sie überlebenswichtige Organe. Eisenstein warnt davor, ihren Wert auf die reine Produktion von Sauerstoff und Kohlenstoff-Speicherung zu reduzieren.

2. Die Regeneration geschädigter Ökosysteme:

Dazu gehören die massive Ausdehnung mariner Schutzgebiete, Verbote von Schleppnetzen und anderen industriellen Fischereimethoden, regenerativer Ackerbau zur Wiederherstellung von Humus, Aufforstung und Wiederaufforstung, Wiedereinführung und Schutz von Schlüsselarten, Spitzenprädatoren und Megafauna.

3. Ein Stopp der Vergiftung der Erde mit Pestiziden, Herbiziden, Kunststoffen, Giftmüll, Schwermetallen, Pharmazeutika, radioaktiven Abfällen ...:

Die gesamte Biosphäre wird durch diese Stoffe geschädigt, Insektizide führen zu einem Verlust von Kleintieren, darauf folgen die Vögel und der Rest der Nahrungskette. Landwirtschaftlich genutzte Böden sind vielerorts nahezu tot wegen künstlichen Düngern und Pestiziden.

4. Die atmosphärische Reduktion von Treibhausgasen:

Die Priorität dieses Ziels liegt bei Eisenstein niedriger, da Maßnahmen für die vorigen Schritte schon zu globalen Verbesserungen an vielen Stellen führen würden. Und wem nützt es, wenn im Austausch für Öl- und Gasverbrauch Megastaudämme entstehen, die ganze Lebensräume vernichten? Ebenso gefährlich sei es, sich auf Geoengineering-Lösungen mit CO2-schluckenden Maschinen und andere technologische Versprechen zu verlassen.

Die Umsetzung dieser Vorschläge ist vielerorts aufgrund sozialer und politischer Verhältnisse schwierig. Damit Länder, in denen es noch ursprüngliche Ökosysteme gibt, die Möglichkeit haben, diese zu konservieren, spricht Eisenstein sich für Schuldenerlasse aus. Ein Problem wie die ökologische Krise hat seine Ursachen in allem und jedem – und deshalb muss auch die Lösung allumfassend sein. Das beinhaltet nicht nur Naturgebiete, sondern alle Menschen, die Heilung brauchen: Vernachlässigte, Verarmte, Gefangene und Ausgestoßene. Menschen, die sich mehr für Soziales als für Naturschutz einsetzen, sind daher nicht weniger essenziell. Wie soll die Erde geheilt werden, wenn unsere Zivilisation es nicht ist?


Es gibt große Hoffnung

Große Veränderungen werden fast immer durch Krisen ausgelöst. Dabei fallen alte Geschichten auseinander, niemand weiß mehr, was zu tun ist. Gerade wenn es aussichtslos scheint und die Verzweiflung groß wird, öffnen sich neue Möglichkeiten. Krisen sind die Geburtsstunde von etwas Neuem. Das gilt für die Klimakrise und auch für die derzeitige Corona-Krise – für letztere vielleicht sogar umso stärker, weil sie uns alle noch unmittelbarer trifft. Etwas, was in einer alten Geschichte noch undenkbar war, erscheint in einer neuen Geschichte selbstverständlich. Große Veränderungen, die trotz aller Neinsager möglich sind, konnten wir schon in den letzten paar Jahren beobachten. Angetrieben werden solche Veränderungen von Menschen, die an eine bessere Welt glauben und sich in Bewegungen wie XR und anderswo zusammenfinden - auch wenn die Mehrheit sagt, es sei kein Ausweg möglich oder die Verhältnisse seien zu festgefahren, um sie noch zu ändern. Hoffnung liegt in einem Wandel der Herzen.



Charles Eisensteins wichtigste Bücher sind „Die Ökonomie der Verbundenheit“ („Sacred Economics“), „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ („The more beautiful world our hearts know is possible“) und “Klima – Eine neue Perspektive” (“Climate: A New Story”). Im März erschien der Essay „The Coronanation“, in dem Eisenstein seine Sicht auf die Corona-Krise erläutert.



[1] Im Essay "Extinction and the Revolution of Love" hat Eisenstein die Inhalte dieses Vortrags ausgeführt: https://charleseisenstein.org/essays/extinction-and-the-revolution-of-love/