Nothing To Say

Geschrieben von Wolf Slatner am 08.04.2019

Mit viel Schwung hatte ich den ersten Blog hier geschrieben. Doch dann kam nichts mehr. Tausend Ideen, Notizen, Anregungen … ich hatte mir einen festen Rhythmus vorgenommen. Doch stattdessen bin ich erst einmal verstummt.

Es ist die Flut der Nachrichten, von der ich nicht mehr wusste, wie ich sie bewältigen sollte. Der Zustand der Regenwälder in Brasilien oder Indonesien, die plastikvermüllten Ozeane, die weiter steigenden CO2-Emissionen, die schmelzenden Pole, der ansteigende Meeresspiegel … wozu das noch kommentieren? Es sind Fakten, und Tausende Wissenschaftler mahnen täglich, dass es in unserer Hand liegt… noch in unserer Hand liegt, das Schlimmste abzuwenden. Was gibt es dem hinzuzufügen? Was soll uns denn mehr aus der Apathie aufrütteln als das? Fast dreiviertel der deutschen Bevölkerung fürchtet am meisten die Klimakrise. Muss man da noch aufklären? Zigtausende Schüler gehen auf die Straße und klagen ihre Zukunft ein. Was dazu schreiben? Es spricht für sich.

Und doch geht noch alles so weiter wie bisher. Der Hambacher Forst wird wieder geräumt. Der Personenflugverkehr nimmt ständig zu. Der ADAC fordert breitere Parkplätze für SUVs. Der Kohleausstieg ist verschoben auf die Zeit, wo der Gewinn vorbei ist, mit dem Hintertürchen, dass man die Bagger noch mal ranlassen kann, sollte man ein Profitchen übersehen haben. Die Regierenden verharren – bestenfalls – in krimineller Untätigkeit. Eher noch schaffen sie die idealen Bedingungen, schnell noch abzugreifen, was geht. So stelle ich mir die Passagiere im Casino der Titanic vor. Der Dampfer ist kollidiert, aber sie hören nicht auf zu zocken. Das Geld zirkuliert, noch ist ja Zeit. Zwei Stunden waren es dort, zehn Jahre sind es heute.

Was ich nicht begreife: Warum denken die Mächtigen, dass sie nicht von der Katastrophe betroffen sein werden? Glauben sie allen Ernstes, sie könnten sich wie seit jeher freikaufen? Irgendwohin in Sicherheit bringen? Was wird ihren Kindern die Ausbildungsversicherung nützen, wenn die Insekten verschwunden sind?

Nach Jahren höre ich mal wieder eins meiner Lieblingsalben an. Der zweite Track heißt „Nothing To Say“. Weil’s mir so geht, achte ich dieses Mal auf den Text:
Every day there’s someone asking
„What is there to do?
Should I love or should I fight?
Is it all the same to you?“
Ich halte inne. Sind Lieben und Kämpfen für mich das Gleiche?

Ja, ich denke, in diesen Zeiten sind beide nicht mehr zu trennen. Ich beobachte Kinder, die selbstvergessen mit einer Papiertonne spielen. Ich sehe eine Amsel im Garten in einer Blumenschale baden. Ich betrachte die gelben Forsythien vor einem strahlend blauen Himmel. Ich höre Jethro Tull. Ich lese Sven Regener. Ich bereite Kresse-Bärlauch-Pesto zu. Ich spiele Gitarre.

Wer liebt, kann nicht mehr anders als kämpfen. Alles, was ich liebe, ist bedroht. Alles, was ich liebe, ist in Gefahr zu verschwinden, nicht lautlos, sondern unter Leid und Schmerzen. Die Natur ebenso wie die menschliche Kultur. Das Leben selbst ist gefährdet. Nicht meins oder deins. Alles Leben. Es ist an der Zeit zu rebellieren. Und Ausgangspunkt unserer Rebellion ist Liebe. Zur Schönheit der Natur uns unseres Planeten, zur Solidarität unter den Menschen und unter den Generationen. Die Liebe ist, was uns verletzlich macht, und das wiederum raubt uns oft die Sprache. Nothing to say. Aber sie ist auch, was uns zusammenführt und zusammenhält, was uns motiviert, uns diesem zerstörerischen System entgegenzustellen und eine regenerative Gesellschaft aufzubauen.

All you need is love to rebel for life!
Eine Rebellion aus Liebe, das ist für mich Extinction Rebellion.