Mit Kindern durch die Klimakrise

Geschrieben von Julia Friedrich am 18.04.2020


„Why should I be studying for a future that may soon be no more, when noone is doing anything to save that future?“

Greta Thunberg


Der Klimawandel stellt für uns alle eine immense und in der Geschichte beispiellose Herausforderung dar. In diesem Artikel möchte ich versuchen zu reflektieren, was das für mich persönlich in meiner Rolle als Mutter bedeutet. Gleichzeitig mache ich den Versuch auch für und über andere Eltern zu sprechen. Ich hoffe, dabei nicht anmaßend zu sein.

Mein Sohn ist gerade 15 Monate alt. Wo ich vorher nur für mich selbst verantwortlich war, bin ich nun auch für ihn verantwortlich. Nicht nur für ihn, sondern vielmehr auch für etwas Neues, was mit ihm in die Welt gekommen ist: Eine kleine Familie, denn das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Eine unglaubliche Veränderung. Ein unglaublicher Perspektivenwechsel. Die Liebe, die ich für ihn empfinde, ist überwältigend groß. Es gibt nichts Lohnenswerteres, nichts Dankbareres als ihn Lachen zu sehen und es gibt nichts Schmerzlicheres, nichts Niederschmetternderes, als ihn leiden zu sehen. Mit den Kindern kommen die Sorgen, heißt es, und es stimmt, zumindest aus meiner Sicht: Irgendeinen Anlass zur Sorge gibt es eigentlich immer. Es tut weh, so zu lieben, und es schenkt unendlich viel Freude.

Oft schon hat mich der Eindruck beschlichen, dass Kinder kriegen den Rückzug ins Private bedeutet. Menschen werden Eltern - und auf einmal haben sie keine Zeit mehr für Freunde, keine Zeit mehr für soziales Engagement, ganz einfach kaum noch Zeit für die Probleme und Themen der anderen. Es ist auch nur allzu verständlich. Kinder verlangen alles von uns ab. Früher bin ich auch bei Regen auf eine Demo gegangen. Kein Problem. Aber mit einem Kleinkind im Schlepptau? Da überlege ich mir das doch zweimal, bei Regen allemal und bei Sonnenschein irgendwie auch. Schließlich sind Demos laut und unübersichtlich. Mein Alltag mit (nur einem!) Kind ist oft so anstrengend für mich, dass abends gar nichts mehr geht, außer mit meinem Freund auf dem Sofa beim Netflix Schauen einzuschlafen. Für Vorträge und politische AGs hab ich schlicht und einfach kaum Energie. Das mit den Stoffwindeln haben wir ein knappes halbes Jahr durchgezogen – bis es mir einfach zu anstrengend geworden ist. Und viel zu viel Essen schmeißen wir weg. Die Liste könnte ich noch eine Weile weiter führen.

Wir Eltern sind so absorbiert von der Idee, unsere Kinder glücklich zu machen, dass Vieles dahinter zurückbleibt. Den Kindern gehört die Zukunft, aber sie leben im Augenblick. Deshalb wollen einige von uns ihnen jetzt einen schönen Urlaub ermöglichen und ihnen die Welt zeigen – also steigen wir in den Billigflieger. Einige von uns kaufen teures Spielzeug und schicke Klamotten, oder fahren die Kleinen mit dem Auto umher, wo es vielleicht nicht unbedingt nötig wäre.

Dabei sind wir doch die Erwachsenen; wir sollten den Weitblick haben, an die Zukunft unserer Kinder zu denken. Es ist beschämend, dass es stattdessen die Kinder sind, die uns mit den Fridays for Future Demonstrationen daran erinnern müssen. Verkehrte Welt. Sind wir am Ende die großen Kinder, die im Hier und Jetzt auf nichts verzichten wollen? Frei nach dem Motto „Ich möchte aber jetzt mit dem großen SUV fahren, sonst werf ich mich auf den Boden und heul' mal ordentlich los!“

Als Eltern stehen wir genauso wie andere vor dem Dilemma, unsere privaten Interessen (in dem Fall eben die Interessen unserer Kinder) gegen das große Ganze abzuwägen. Aber es ist unumgänglich und unglaublich wichtig, es zumindest zu versuchen. Im Interesse der Zukunft unserer Kinder und deren Kinder und so weiter. Im Interesse aller Kinder, die jetzt leben und nicht das Glück hatten, in einem reichen Land wie Deutschland geboren und mit einem Pass gesegnet zu sein, der ihnen erlaubt, überall hinzugehen und überall zu leben. Das Private bleibt politisch.

Denn schließlich, warum sollte es Eltern anderswo auf der Welt anders gehen als uns? Irgendwo in Simbabwe gibt es eine Mutter, die aufgrund einer katastrophalen Dürre jeden Tag fürchten muss, dass ihr Baby Hunger leidet. Ich könnte diese Mutter sein.

In Syrien stirbt laut dem UN-Kinderhilfswerk alle 10 Stunden ein Kind an den Folgen des Krieges.

Es gibt viel zu viele Flüchtlingskinder auf Samos und Lesbos und überall, die mutterseelenalleine sind und zwischen Müllsäcken schlafen, die nachts erfrieren, weil es kein Zelt für die gibt. Es könnten unsere Kinder sein.

Ich möchte noch weiter denken. Wir haben soviel Liebe und Mitgefühl für unsere Kinder. Aber jeder Erwachsene auf der Welt ist mal ein Kind gewesen, jemandes Sohn, jemandes Tochter. Auch der Mann auf den Philippinen, der durch den Taifun Haiyan 2013 sein Haus und seine Lebensgrundlage verlor und nun vor den Scherben seiner Existenz steht.

Es ist bekannt aus der Sozialforschung, dass wir das Bedürfnis haben, uns einer Gruppe zugehörig zu fühlen und sich mit ihr zu identifizieren. Die positiven Eigenschaften der Eigengruppe betonen wir über, während wir Fremdgruppen als eben „fremd“ bezeichnen und abwerten. Die Zugehörigkeit zur Eigengruppe führt zu einem Wir-Gefühl, also Vertrautheit, Sympathie und Kooperationsbereitschaft der einzelnen Gruppenmitglieder. Durch das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit, Loyalität und Gruppenidentität grenzt sich die Gruppe auch „Anderen“ gegenüber ab. Die Strategie der maximalen Abwertung anderer Gruppen führt zur Entindividualisierung von Mitgliedern der Fremdgruppe. Die Wahrnehmung, vielmehr: Behauptung, nach der die Mitglieder der Fremdgruppe einander ähnlicher seien, als dies tatsächlich der Fall ist („Wir sind Individuen; die anderen sind alle gleich.“), bezeichnet man als Fremdgruppenhomogenität.

Dieser Effekt begegnet uns tagtäglich. Katastrophen in fernen Ländern berühren uns bei Weitem nicht so sehr wie Katastrophen im eigenen Land. Sie bleiben merkwürdig abstrakt.

Das Leid, das unseren Kindern widerfährt oder widerfahren könnte, raubt uns den Schlaf und den Verstand. Für das Leiden der Kinder in Entwicklungsländern, zum Beispiel das der Kindersoldaten in Myanmar, haben wir oft nur ein Schulterzucken begleitet von einem abgeklärten „Was kann man schon machen“ übrig. Aber wenn wir doch darum wissen, dass es sich hierbei um eine bias, eine Verzerrung handelt, warum lassen wir uns dann davon täuschen?

Ich glaube, dass es sich natürlich auch um eine Frage von Kapazitäten handelt. Unsere Leben sind vollgepackt bis zur Decke mit den verschiedensten Anforderungen, die die Arbeit, die Familie, die Freunde, die Gesellschaft und wir selbst an uns stellen. Dennoch, es muss doch möglich sein, unsere Blicke zu weiten und unsere Herzen.

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm schlug schon in den frühen 90ern vor, dass wir unsere Ingroup erweitern sollten. Statt uns als Mitglieder einer Familie zu sehen, als Bewohner einer Stadt oder eines Landes, könnten wir damit beginnen, uns als Erdenbürger zu fühlen. Und als solche sitzen wir alle im selben Boot.

Und ich möchte noch etwas nachtragen. Die gegenwärtige Corona-Krise verlangt uns allen ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, Empathie und Verzicht ab. Und so weit ich es beurteilen kann, gibt ein Großteil der Bevölkerung sein Bestes, um dem nachzukommen. Wir verzichten für einen begrenzten Zeitraum auf unsere Bewegungsfreiheit, auf soziale Kontakte, auf Kultur- und Freizeitaktivitäten und noch einiges mehr, zum Wohle der Gemeinschaft.

Wenn wir das können – dann können wir doch in Zukunft nur noch einmal im Jahr in den Urlaub fliegen, öfter mal das Auto stehen lassen und das Fleisch anstatt vom Discounter lieber vom Bio-Metzger holen. Die Einbußen an persönlicher Freiheit sind dann minimal im Vergleich zu dem, was wir jetzt gerade erleben – und der Gewinn für die Gemeinschaft enorm.