Im ideologischen Schrebergarten

Geschrieben von Wolf Slatner am 25.05.2020

Eine Antwort auf Jonathan Franzen

Im Februar erschien bei Rowohlt in einem schmalen Bändchen der Essay Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?[1]. Es handelt sich dabei um die deutsche Fassung eines Beitrags vom 8. September 2019 für die Zeitschrift The New Yorker. Der Verfasser ist einer der größten Schriftsteller der Gegenwart: der US-Amerikaner Jonathan Franzen. Mit seiner Kritik zielt er direkt auf die Klimabewegung und sorgt unter Aktivist:innen für einige Irritationen. Die Debatte ist durch die Corona-Krise zwar in den Hintergrund geraten. Jedoch sind Franzens Thesen es wert, sich mit seinem Text intensiver zu befassen. Umso mehr, als die ökologische Katastrophe unvermindert, in manchen Fällen - wie in Brasilien - sogar durch die Pandemie beschleunigt abläuft. Was nun ist an Franzens Essay so verstörend und wie reagieren wir darauf?

Franzen stellt darin die Behauptung auf, dass wir die Klimakrise nicht verhindern können, wie schon der Untertitel des Buches konstatiert. Die Vorstellung, daran noch etwas ändern zu können, hält er für unrealistisch. Diese Hoffnung sei, so Franzen, zwar psychologisch verständlich, aber eine Leugnung der Fakten. Da der Kampf gegen den Klimawandel verloren sei, gehe es jetzt nurmehr darum, neu darüber nachzudenken, was es heißt, Hoffnung zu haben.

Er rechnet damit, dass sehr bald schon die Systeme der industriellen Landwirtschaft und des Welthandels zusammenbrechen werden. Dieser kritische Punkt werde erreicht, wenn die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius ansteigt, was Franzen für unabwendbar hält. Statt sich also durch die falsche Hoffnung auf Rettung leiten zu lassen, schlägt er vor zu akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird:

Sieht man (...) der Realität ins Auge, dass sich der Planet immer weiter aufheizen wird, bis Temperaturen erreicht sind, die unsere Zivilisation bedrohen, dann gibt es eine ganze Menge mehr, was getan werden sollte.

Dazu zählt Franzen die Vorbereitung auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlinge. Flüchtende in eine Aufzählung von Naturkatastrophen einzureihen, ist prekär und weckt Assoziationen an rassistische Sprachbilder wie ‚Asylantenflut‘. Im Falle von Franzen ist es aber einem Fatalismus geschuldet, der die Abfolge eines Kollapses zuerst der Natur und dann der Kultur für unausweichlich hält. Als Gegenmaßnahmen, für die wir uns statt des aussichtslosen Kampfes gegen den Klimawandel stark machen sollen, plädiert er dafür, die Hassmaschinen der sozialen Medien abzuschalten, für Gleichberechtigung zu kämpfen, die freie Presse zu stärken, Waffen zu verbannen, Demokratie und Rechtssysteme zu stärken und sich für eine humane Einwanderungspolitik einzusetzen.

Auch sollen wir weiter unseren CO2-Verbrauch senken, sogar dann, wenn überhaupt nichts dabei herauskäme:

Das Tun und Lassen eines Einzelnen hat zwar keinerlei Auswirkungen auf das Klima, ist deshalb aber noch lange nicht bedeutungslos. Jeder von uns muss eine ethische Entscheidung treffen.

Am leidenschaftlichsten wird Vogelbeobachter Franzen beim Artenschutz. Es ärgert ihn, schreibt er im Vorwort, dass die Klimakatastrophe das alles beherrschende Thema ist:

Die Umweltbewegung, die sich früher für wild lebende Tiere und Pflanzen und die Bewahrung ihrer Lebensräume starkgemacht hatte, war jetzt fast gänzlich vom Thema Klimawandel in den Bann geschlagen.

Extinction Rebellion wird von ihm ausdrücklich dafür gelobt, nicht nur über Klima-, sondern auch über Artenschutz zu sprechen.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf Franzen reagiert[2], ihm, was seine klimawissenschaftlichen Schlussfolgerungen angeht, attestiert, Scheingegensätze zu lieben, und ihm vorgeworfen, Klima- gegen Naturschutz auszuspielen, „auch wenn das Gemeinsame wesentlich größer ist als die vorhandenen und durch Kompromisse lösbaren Zielkonflikte“. Auch hält er die Behauptung, „dass wir bei zwei Grad Celsius globaler Erwärmung mit Sicherheit einen Kipppunkt überschreiten, bei dem das Klima völlig außer Kontrolle gerät“, für „schlicht unzutreffend“. Von keinem ihm bekannten Klimamodell würde diese These gestützt.

„Die Klimaziele beruhen auf der Erkenntnis, dass die Folgen des Klimawandels drastisch zunehmen, je stärker sich der Planet erwärmt - nicht jedoch auf der Annahme, dass beim Überschreiten eines konkreten Schwellenwerts die Apokalypse hervorbricht, während vorher alles in bester Ordnung war.“

Damit könnte man Franzens Essay zur Seite legen und mit dem eigenen Aktivismus wie bisher fortfahren. Doch ganz so einfach macht es uns der Autor nicht. Wenn er den Kampf auch für verloren ansieht, so gibt er doch auch zu, dass die Katastrophe theoretisch noch abwendbar sei. Praktisch sei dafür nötig: den Trend der letzten drei Jahrzehnte umzukehren, die Netto-Emissionen in den nächsten drei Jahrzehnten weltweit auf null herunterschrauben, drakonische Naturschutzmaßnahmen ergreifen, einen Großteil (der) Energie- und Transport-Infrastruktur stilllegen und (die) Wirtschaft vollständig umrüsten, hohe Steuern und erhebliche Einschränkungen (des) gewohnten Lebensstils hinnehmen, die Realität des Klimawandels akzeptieren und an die extremen Maßnahmen, die zu seiner Bekämpfung ergriffen werden, glauben. So kommt Franzen zu dem Schluss:

Ich kann zehntausend Szenarien nach dem beschriebenen Modell durchspielen, und in keinem davon wird das Zwei-Grad-Ziel erreicht.

Den Wandel komplexer Systeme in all seiner Tiefe nicht erfassen zu können, ist keine Schande. Wer im Zeitalter des Absolutismus hätte auch nur im Entferntesten für möglich gehalten, was sich mit der Französischen Revolution vollzog? Und wäre nicht jeder Science-Fiction, der vor hundert Jahren unsere heutige digitale Welt beschrieben hätte, verlacht worden?

Aber nicht zu Unrecht weist Franzen hier auf einen kritischen Punkt hin: Wie sieht es mit uns aus? Das erste Prinzip von Extinction Rebellion lautet: Wir haben eine gemeinsame Vision der Veränderung. Haben wir das wirklich? Und ist es eine Vision, wie wir eine Veränderung herbeiführen wollen, oder auch eine Vision, welche Veränderung herbeigeführt werden soll?

Wird uns nicht auch immer wieder bang ums Herz, wenn wir uns vor Augen führen, was Franzen eine Herkulesaufgabe nennt und im Grunde nichts weniger ist, als die Art, wie wir zusammenleben, uns ernähren, fortbewegen, arbeiten, wohnen, wirtschaften, Entscheidungen treffen, in Beziehung treten, Ressourcen verteilen und verbrauchen, vollkommen anders und neu zu begründen? Verlieren wir nicht manchmal den Mut, wenn wir daran denken, was sich uns dabei in den Weg stellt: quasi die gesamte Politik, die Wirtschaft sowieso, aber auch viele zu Konsumenten degradierte Bürger:innen? Und als wäre das noch nicht genug, infiltrieren in Europa und weltweit Nationalismus und Faschismus die Gesellschaft, reißen den Diskurs an sich und greifen, wo sie sie nicht schon haben, nach der Macht.

Was haben wir dem entgegenzusetzen: der marktradikalen Gegenwart und ihrer rechtsradikalen Scheinalternative? Wie antizipieren wir eine gerechte, nachhaltige Gesellschaft?

Einige Aktivist:innen haben sich zusammengetan und arbeiten seit einem Jahr an einem Klimaplan von unten[3]:

„Der ‚Klimaplan von unten‘ sammelt genau diese Lösungen. Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten haben ihre Ideen und ihr Wissen eingebracht. Die zusammengetragenen Maßnahmen zeigen schon jetzt, dass umfangreiches Wissen vorhanden ist, um der Klimakrise auf eine gerechte und effektive Art und Weise zu begegnen.“

Wir sind dort eingeladen, „eine gerechtere Zukunft mitzugestalten“ und „Visionen einer gerechteren Gesellschaft (zu) formulieren“. Und eine Vision von einer anderen Welt werden wir brauchen, um durchzuhalten. Wir können das Andere, das wir anstreben, gedanklich vorwegnehmen und ausarbeiten. Wir können auch versuchen, es in kleinerem Maße jetzt schon umzusetzen, zum Beispiel indem wir unsere Aktionen selbst zu Plattformen gelebter Utopie machen.

Ohne uns in Ansätzen vorzustellen und auszuprobieren, wie ein anderes Leben aussehen könnte, bleibt uns vielleicht nur Franzens Rückzug auf die eigene moralische Integrität:

Tun wir aber weiter das Richtige für den Planeten, ja, aber versuchen wir auch zu retten, was uns ganz speziell am Herzen liegt – eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tierart -, und schöpfen wir Kraft aus unseren kleinen Erfolgen.

Wie das im von Franzen beschriebenen Szenario funktionieren soll, wüsste ich nicht. Statt des Klimas schützen wir jetzt Delfine oder Eisbären? Weil die losgelöst von ihrem natürlichen Kontext existieren können? Das ist das Gegenteil von ökologischem Denken. Die globale Erwärmung zerstört Habitate und Lebensgrundlagen unabhängig von meinen Vorlieben. Hat die Amsel nun ein größeres oder kleineres Lebensrecht als der Eichelhäher, nur weil mir eine von beiden Vogelarten mehr am Herzen liegt? Werde ich ohne Klimapolitik eine Hallig oder den Schwarzwald bewahren können? Und wie halte ich die globale Erwärmung aus meinem Schrebergarten? Dafür braucht es schon blühende Phantasie.

Franzen trennt zwischen einigen kleineren Kämpfen, die man zum Glück gewinnen kann, und einigen großen hoffnungslosen Schlachten, wozu er den Versuch, die Erderwärmung zu stoppen, zählt. Dennoch:

Die ethische Anstrengung, unseren CO2-Fußabdruck zu verkleinern, ist wichtig; es ist etwas, das einem ein gutes Gefühl verschafft.

Die eigene Tugendhaftigkeit als letztmögliche Handlungsgrundlage ist ein Ausdruck von Resignation. Ich füge mich guten Gewissens, das Richtige zu tun, in die Ohnmacht, auch wenn es ohne Auswirkung bleibt. Würde ich damit rechnen, mir damit ein Punktepolster fürs Jenseits zu verschaffen, hätte das für mich vielleicht einen Anreiz zu handeln.

Nichts gegen ein gutes Gefühl, aber ein folgenloser Wellness-Aktivismus ist mir nicht genug. Wenn es ohnehin nicht darauf ankommt, warum dann nicht den Schampus aufmachen und mit Glanz und Gloria untergehen?

Für Franzen dagegen befördert gerade die Hoffnung auf Rettung eine Art Selbstzufriedenheit:

Indem man die Grünen wählt, mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und Flugreisen vermeidet, hat man vielleicht das Gefühl, für das Einzige, was sich zu tun lohnt, alles getan zu haben, was getan werden kann.

Hier verkennt Franzen vollkommen die Realität. Es ist eben die Überzeugung, gemeinsam Veränderung bewirken zu können, die seit über einem Jahr Zigtausende zu Protesten und zivilem Ungehorsam auf die Straßen bringt statt nur am Wahltag ein Kreuz zu machen oder das eigene Konsumverhalten zu modifizieren.

Als im Oktober 2018 im Hambacher Forst 50.000 Menschen demonstrierten, wandten sich auch Parteien an die Demonstrierenden. Vertreter:innen von SPD, den Grünen und der Linken hielten Reden, die den Protest zu ihrem Anliegen machen und die Versammelten im rhetorischen „Wir“ vereinnahmen wollten. Die Antwort war eisiges Schweigen. Und bis heute hat die Politik nichts getan, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Seit 1968 hat es hier keine junge Generation mehr gegeben, die den Repräsentant:innen von Staat und Wirtschaft mit größerem Misstrauen begegnet als die Fridays for Future Bewegung. Sie und Ende Gelände und Fossil Free und Extinction Rebellion und andere Initiativen handeln nicht, um sich mit der eigenen Rechtschaffenheit zu trösten, sondern um etwas zu verändern. Weil es – wie Franzen zugibt - noch möglich ist.


[1] Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können. Ein Essay. Hamburg 2020. Alles in Kursiv sind Zitate aus diesem Band.

[2] Stefan Rahmstorf: Gefährliches Schwarz-Weiß-Denken. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/jonathan-franzen-klimawandel-essay-offenbart-falsches-schwarz-weiss-denken-a-1a0a5afa-4c92-437f-9162-3496c5d8ab37

[3] https://klimaplanvonunten.de/de/