Freier als zuvor

Geschrieben von Jana Mestmäcker, Dozentin für Psychologie in Göttingen am 21.05.2021

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Erfahrungsbericht von der Rebellion of One im Mai

Auf meinem Schild für die Rebellion of One stand „Ich habe Angst vor Chaos und Gewalt wegen der Klimakatastrophe“. Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir an der Klimakatastrophe am meisten Angst macht, und das ist, wo ich gelandet bin. Wenig überraschend, dass ich am Anfang gar nicht begeistert war, an so etwas wie der Rebellion of One teilzunehmen. Eine Protestaktion, bei der sich eine Person alleine auf die Straße setzt und den Verkehr blockiert? Gibt es einen direkteren Weg zu Chaos und Gewalt? 

Ich mag es, wenn Dinge ordentlich laufen. Ich beobachte aus der Ferne, warte, bis ich alle Informationen habe, bereite mich sehr gut vor und handle dann vielleicht. Außer ich fühle mich doch noch nicht gut genug vorbereitet, dann handle ich vielleicht auch noch nicht. 

Also habe ich die Rebellion of One im März beobachtet in meiner Stadt. Dreizehn Straßen in Chaos, hupende Autos, wütende Passant:innen. Eine Person wurde an ihrem Schild über den Asphalt gezerrt. Alle meine Befürchtungen wurden bestätigt. Nur die eine nicht, die bei Angst immer irgendwie diffus mitschwingt, und zwar, dass dann alles aus sein wird.

Alle Protestierenden hatten überlebt. Alle waren erschöpft, ja, aber auch sehr froh, dass sie es gemacht hatten. Es gab auch positive Reaktionen von Passant:innen, und vor allem hatten die Protestierenden einzeln viel mehr ausgelöst, als der sonstige Protest in größeren Gruppen es vermocht hatte. Ihr Protest war schwer – bis unmöglich – zu ignorieren gewesen.

Ich begann, den Sinn meiner Angst zu hinterfragen. Was möchte sie? Mich vor Gefahr beschützen, klar. Aber was, wenn ich wegen einer noch größeren Gefahr genau diesen scheinbar gefährlichen Weg entlanggehen muss?

Die größere Gefahr

Es gibt Studien über kommende Nahrungsmittelknappheit, über kommende Wasserknappheit und Schätzungen, dass die Wohnorte von 3,5 Milliarden Menschen zu heiß zum Überleben sein werden. Außerdem – nur weil Politik und Gesellschaft oft nur die Zeiträume bis 2050 oder 2100 betrachten, heißt es nicht, dass diese Entwicklungen danach aufhören werden. Im Gegenteil – auch ohne menschliches Zutun werden Rückkopplungseffekte sie weiter vorantreiben.

Zu Ende gedacht bedeutet das: Wir beenden gegenwärtig die menschenfreundlichen Lebensbedingungen auf diesem Planeten für die nächsten Tausende von Jahren. Das widerspricht nicht nur meinem Gerechtigkeitsempfinden und Artikel 20a unserer Verfassung, ich möchte es auch einfach nicht miterleben, wie wir uns in einer immer schlimmer werdenden Ressourcenknappheit konkret verhalten werden.

„Wenn wir uns von der Angst leiten lassen, führt sie uns immer genau dorthin, wo wir nicht hinwollten“

Ein befreundeter Psychotherapeut hat mal zu mir gesagt: „Wenn wir uns von der Angst leiten lassen, führt sie uns immer genau dorthin, wo wir nicht hinwollten“. Wenn Menschen Arzttermine vermeiden aus Angst vor der unangenehmen Erfahrung, drohen ihnen langfristig viel größere gesundheitliche Probleme. Wenn Angela Merkel konsequente Klimapolitik vermeidet aus Angst vor mehr Klimawandelleugnung , droht uns langfristig eine viel größere Gefahr.

Am 15. Mai habe ich an der Rebellion of One teilgenommen. Ich habe auf der Straße solange Chaos verursacht, bis mich die Staatsgewalt in Gewahrsam genommen hat. Das Ganze hat nur wenige Minuten gedauert. Es ging so schnell, dass es nur zu zwei Reaktionen von Passant:innen kam. Eine jüngere Frau jubelte mir mit erhobener Faust zu. Ein älterer Herr rief mir im Vorbeifahren zu, wenn ich Angst hätte, solle ich doch nach Hause gehen.

Wie geht es mir jetzt – nach der Protestaktion? Ich bin erschöpft. Sowohl die Straßenblockade als auch der Freiheitsentzug, wenn auch nur für wenige Stunden, waren sehr einschneidende Erfahrungen. Gleichzeitig habe ich mich von meinen Überzeugungen leiten lassen, nicht von meiner Angst. Deshalb fühle ich mich jetzt freier als zuvor. 

Werde ich es wieder tun? Zum Teil werden bei mir Gedanken laut, die fragen, ob das alles etwas bringt. Die Klimakatastrophe einzudämmen, das geht doch nur, wenn alle anderen mitmachen, und das wird nie passieren. Doch wenn ich genau hinhöre, merke ich, dass da wieder meine Angst zurück ist und ihrer Arbeit nachgeht. Sie versucht sicherzustellen, dass ich zu Hause bleibe, wo mir – wie sie glaubt – nichts passieren wird. 

Meine Vernunft entgegnet ihr: Wir haben mit nur zwanzig Protestierenden in unserer Stadt ein ziemliches Chaos ausgelöst. Es braucht nicht alle, sondern einige. Und die Gründe für meinen Protest überwiegen seine Gefahren immer noch bei Weitem. 

Die Angst wird nie weg sein. Das ist auch gut, sie hat eine wichtige Funktion. Ich habe vor, ihr aufmerksam zuzuhören und dann meine eigenen Entscheidungen zu treffen.

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