Unser Aktionskonsens
Diese Vereinbarung bildet den bindenden Rahmen für Aktionen von Extinction Rebellion Deutschland.
Einleitung: Wir befinden uns in einer sozialen und demokratischen Krise sowie ökologischen Katastrophe. Wir gehen in Aktion, um der Öffentlichkeit und den Regierungen weltweit die Dringlichkeit zu handeln zu verdeutlichen. Wir gehen in Aktion, weil viele Arten, die auf diesem Planeten leben, aussterben, Ökosysteme/ natürliche Lebensgrundlagen zerstört werden und Menschen aufgrund der Folgen der Klimakatastrophe ihre Heimat verlieren oder sterben. Grundlage all unserer Handlungen sind die zehn Prinzipien und Werte von XR, sowie die drei Forderungen und die XR Grundlage Klimagerechtigkeit. Wir möchten als Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung handeln. Gleichzeitig sind wir uns aber bewusst, dass wir dem Gerechtigkeitsaspekt bisher nur teilweise entsprechen. Hinweis: Wir sind eine überwiegend weiße Bewegung. Wir befinden uns in den Anfängen des Dekonstruierens patriarchaler, kolonialer etc. (Denk)Muster und des Verlernens eigener, ggf. unbewusster Rassismen.
Aktionsform: Durch die politischen, ökonomischen und sozialen Realitäten sehen wir uns gezwungen, die gesellschaftliche Normalität und Verdrängung zu durchbrechen: durch kreative Aktionsformen sowie fried-lichen zivilen Ungehorsam. Wir sind der Überzeugung, dass wir so dazu beitragen können, den notwendigen Wandel herbeizuführen. Wir bedauern, das öffentliche Leben ggf. durch unsere Aktionen stören zu müssen. Gegenüber Mitmenschen, die ihrem Alltag nachgehen, verhalten wir uns friedlich und respektvoll.
Regenerative Kulturen und Gewaltfreiheit: Wir möchten regenerative Kulturen schaffen, die gesund, anpassungsfähig und belastbar sind. Unseren Protest und zivilen Ungehorsam möchten wir in diese Kulturen einbetten. Wir unterstützen uns gegenseitig beim Aufbau dieser Kulturen, um gemeinsam unser zerstörerisches System zu überwinden. Wir üben gewaltfreien Umgang untereinander. Wir ermutigen unsere Mitmenschen, selbst aktiv zu werden und mit uns zur notwendigen Veränderung beizutragen. Dabei nehmen wir, trotz - oder vielleicht sogar wegen - der Dringlichkeit und Langfristigkeit des notwendigen Widerstands unsere (unterschiedlichen) Kapazitätsgrenzen ernst. Bei Erschöpfung und Überforderung informieren wir einander und unterstützen uns gegenseitig, so gewünscht.
Physische und psychische Sicherheit: Um die Sicherheit aller Menschen in und um unsere Aktion zu gewährleisten, übernehmen wir als Individuen Verantwortung für unsere (unterlassenen) Handlungen und Aussagen sowie deren Wirkungsweise auf andere. Damit geht einher, dass wir in Planung und Durchführung von Aktionen darauf achten, dass keine Personen gefährdet werden und Rettungswege passierbar bleiben. Wir bereiten uns auf Aktionen und potenzielle rechtliche Konsequenzen vor, z.B. durch das Besuchen von Aktionstrainings. Wir stehen während einer Aktion nicht unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen bewusstseinsbeeinflussenden Drogen.
(Nicht-)Angabe der Identität: Wir stehen zu dem, was wir tun. Es ist Teil der Strategie von XR, Personalien nicht zu verweigern. Zugleich können oder wollen nicht alle Menschen ihre Identität angeben. Wir unter-stützen persönliche Entscheidungen. Die Identitätsverweigerung einer einzelnen Person birgt im Vergleich zur Identitätsverweigerung einer großen Gruppe (wie es bei anderen Bewegungen gehandhabt wird) jedoch Gefahren für die einzelne Person. Wir sind uns bewusst, dass z.B. Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus damit bei XR-Aktionen des zivilen Ungehorsams massive Risiken in Kauf nehmen. Hinweis: Warum es dennoch XR-Strategie ist, Personalien nicht zu verweigern und welche Risiken die Verweigerung durch Einzelpersonen birgt, ist hier zusammengetragen: Personalien
Aktionsbild und Fotografie: Wir filmen und fotografieren unsere Aktionen, um Öffentlichkeit herzustellen. Einzelne Entscheidungen zur Vermummung respektieren wir. Um Vielfalt, Kreativität und Offenheit zu vermitteln, wünschen wir uns, dass dies nicht das Aktionsbild dominiert. Wir fragen Menschen um ihr Einverständnis, falls wir Fotos machen, in denen sie alleine und/oder zentral abgebildet sind. Bei Klein-gruppenaktionen des zivilen Ungehorsams werden Fotografien/Filme und deren Veröffentlichung vorab gemeinsam besprochen, sodass nicht unbeabsichtigt Material für z.B. polizeiliche Repression entsteht.
Polizeikontakt: Wir sind gewaltfrei in unserem Handeln und unserer Kommunikation mit der Polizei. Sollte es zu Räumungen oder Ingewahrsamnahmen kommen, unterlassen wir aktiven körperlichen Widerstand. In der Aktionsplanung berücksichtigen wir insbesondere die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen, die von Polizeigewalt besonders betroffen sind. Sind wir selber nicht in besonderer Weise von Polizeigewalt betroffen (z.B. als weiße Personen), setzen wir uns vor der Aktion mit dem Thema Polizeigewalt auseinander und thematisieren innerhalb der Bezugsgruppen, wie wir uns solidarisch gegenüber besonders Betroffenen verhalten können. Dazu kann z.B. zählen, sich nicht bei der Polizei zu bedanken und keine öffentlichen Aussagen nach einer Aktion über die "Gewaltfreiheit" der Polizei zu machen. Verschiedene Personen machen unterschiedliche Erfahrungen, dabei bekommt nicht jede:r alles, insbesondere gewaltvolle Handlungen, mit.
Machtverhältnisse: Wir erkennen an, dass wir alle rassistisch, sexistisch, ableistisch, antisemitisch, klassistisch usw. sozialisiert sind, und dass das Verlernen von Diskriminierung einen lebenslangen Prozess darstellt. Gleichzeitig tolerieren wir keine diskriminierenden Aussagen und Handlungen. Sollte jemensch eine diskriminierende (oder grenzüberschreitende) Situation erleben, unterstützen wir die betroffene Person solidarisch in dem, was sie (in dem Moment) braucht (Betroffenenzentrierung). Beobachten wir eine diskriminierende Aussage oder Handlung, ohne dass eine betroffene Person anwesend ist (z.B. rassistische Aussagen oder Handlungen unter weißen Personen), weisen wir die (verbal) gewaltausübende Person darauf hin. - Hinweis: Sollten wir uns dazu nicht in der Lage fühlen oder die gewaltausübenden Menschen mit Abwehr / fehlender Einsicht reagieren, beziehen wir solidarische Menschen in unserer Nähe und/oder Awareness- oder andere Aktionsstrukturen mit ein. Wurden wir selbst auf eine gewaltvolle/grenzüberschreitende Handlung oder Aussage hingewiesen, nehmen wir Hinweise an und reflektieren eigenverantwortlich unser Verhalten. - In beiden Szenarien: Wir entscheiden nach Möglichkeit unter Einbeziehung mehrerer Personen (und sofern Betroffene anwesend sind, in Absprache mit diesen) die nächsten Schritte.
Reflexion von Privilegien: Wir erkennen das Leid und die Kämpfe an, die von struktureller Diskriminierung betroffene Menschen in ihrem Alltag austragen. Wenn wir zivilen Ungehorsam ausüben, tun wir dies in dem Bewusstsein, dass es Menschen gibt, die das damit verbundene Risiko (z.B. mögliche Repressionen, körper-liche Risiken) nicht eingehen können. Wir erkennen außerdem an, dass Menschen durch vielfältige Barrieren von der Teilnahme abgehalten werden. Wo vorhanden, reflektieren wir unsere eigenen Privilegien und ver-suchen Barrieren kontinuierlich abzubauen (z. B. indem Demorouten rollstuhlgerecht geplant werden oder indem aktiv kommuniziert wird, wie Kosten solidarisch getragen werden können).
XR Deutschland im globalen Kontext: Wir machen uns bewusst, dass Kämpfe gegen Unterdrückung schon seit Jahrhunderten im Globalen Süden geführt werden. In diesem Wissen setzen wir uns kritisch mit unserer Rolle als (ggf. weiße, able-bodied, nicht von Klassismus betroffene, etc.) Aktivist:innen des Globalen Nordens auseinander. Wir inszenieren uns nicht als Held:innen/Retter:innen/ggf. white saviour, und üben uns in der Rolle als Verbündete mit MAPA (z.B. durch Aktionsforderungen, Banner, die MAPA Perspektiven mitdenken). - Hinweis: MAPA: "Most Affected People and Areas". Das ist Englisch für "die am meisten betroffenen Personen und Regionen". Länder des globalen Südens werden systematisch ausgebeutet und sind zugleich z.B. stärker von der Klimakatastrophe betroffen als Länder des globalen Nordens. MAPA ist ein breiter Begriff, der verschiedene Gruppen von Personen umschließt. Siehe auch: https://extinctionrebellion.de/wer-wir-sind/grundlage/
Diversität der Herangehensweisen: Wir schätzen den Beitrag anderer sozial-, biodiversitäts- und klima-politischer Gruppierungen. Wir respektieren, dass sie ggf. andere Taktiken wählen.
Schlusssatz: Wir laden alle Menschen, die diesem Aktionskonsens zustimmen, dazu ein, mit uns in Aktion zu gehen um gemeinsam in und mit der Klimagerechtigkeitsbewegung die notwendigen Veränderungen anzustoßen.
Diese überarbeitete Version wurde im Januar 2026 von XR Deutschland angenommen.