Hören wir auf, Zombies zu sein

FFF Global Day of Climate Action, 25. September 2020 // Rede XR Hannover.

Vor zwei Wochen war der 11. September.

Menschen in meinem Alter wissen bei dem Datum: Nine Eleven. NineEleven ist der Tag, an dem wir im Fernsehen zugesehen haben, in Dauerschleife, wie die Türme in New York einstürzten. Jede, jeder erinnert sich noch heute, was er oder sie an diesem Tag gemacht hat. Tagelang, wenn nicht wochenlang, schien die Welt danach grau zu sein. Das Leben war irgendwie gedämpft, irgendwie surreal. Die Bilder der Zerstörung, die Bilder von Menschen, die in den Tod sprangen, diese Bilder brachen aus heiterem Himmel in unseren Alltag ein. Sie zerrissen die Normalität. Das war 2001.

Vor zwei Wochen musste ich daran denken, an dieses kollektive Entsetzen, und an die „Normalität“ – die plötzlich in Frage gestellt war.


Denn das hier waren - nur drei Beispiele! - die Nachrichten am 11.9.2020.

Horst Seehofer verkündet nach einer Pressekonferenz, Deutschland wird „100 bis 150“ unbegleitete Kinder aus Moria aufnehmen. Viele Bundesländer und Städte, auch Hannover, hatten Hilfe für viel mehr Menschen angeboten, aber sie durften nicht.

Dazu die Bilder von Moria, von einer Insel in Europa: Menschen werden mit Tränengas besprüht, als sie versuchen, für sich und ihre Kinder etwas Wasser abzubekommen. Sie sind zu Tausenden gezwungen, auf der Straße zu schlafen, weil ihr primitiver Schutz in einem überfüllten, im Stich gelassenen Flüchtlingslager gerade in Flammen aufgegangen ist.

Nachricht zwei:

San Francisco ist nicht mehr zu sehen. Beziehungsweise: San Francisco sieht aus wie „Blade Runner 2049“. In den Sozialen Medien posten Menschen Fotos aus der orangeroten rauchverhüllten Stadt – viele mit dem Hinweis #nofilter, weil mensch sonst nicht glauben würde, dass das in echt so aussieht. Allein in Kalifornien haben die Feuer bis zu diesem 11.9. mehr als zehntausend Quadratkilometer zerstört, das ist so viel, als würdet ihr von hier nach Wien fahren – und auf der ganzen Strecke sind links und rechts von euch jeweils sechs Kilometer verkohltes Land.

Was keine Nachricht war, das ganze Jahr nicht: dass es auch in Afrika brennt, dass die Brände im Amazons in diesem Jahr sogar schlimmer sind als 2019. Und dass Wissenschaftler*innen befürchten, dass im Amazons gerade unumkehrbare Kipp-Punkte erreicht werden.

Nachricht drei:

Der WWF hat eine Studie veröffentlicht. Diese Studie belegt, dass seit 1970 im Durchschnitt mehr als 2/3 aller Säugetier-, Fisch-, Vögel-, Reptilien- und Amphibien-Bestände verschwunden sind. Sie sind weg. 68 Prozent weniger dieser Tiere auf der Welt innerhalb von 50 Jahren. Und in den vergangenen Jahren ging es immer schneller mit dem Verschwinden.

Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens hat den Zusammenhang von Klimakrise, Artensterben und uns Menschen so zusammengefasst:

Die Klimakrise bedroht die Art, wie wir leben. Das Artensterben definiert, ob wir leben.

Mit „wir“ ist die Menschheit gemeint. Klar.

Das war ein Ausschnitt aus NineEleven 2020. Und seitdem sind die schlimmen Nachrichten nicht abgerissen – ich zähle sie hier nicht weiter auf.


Sind wir starr vor Entsetzen? Sind wir fassungslos?
Habt ihr – wenigstens einen Tag lang – einfach nicht mehr weitergemacht, mit dem, was ihr sonst so tut?

Nein.

Wie kann das sein?

Hier ist die Antwort: Die alltägliche, trotz allem so erlebte NORMALITÄT – die ja sogar trotz Corona für die meisten schon wieder funktioniert – diese NORMALITÄT in der Schule, bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Essengehen, ist noch immer undurchdringlich, glattpoliert und gut gepanzert. Sie schluckt die Realität einfach.

Es macht ja auch so gar keinen Spaß, dieser Realität ins Auge zu sehen.

Wir laufen deshalb zwar – ähnlich wie nach dem alten NineEleven – durch die Gegend wie Zombies, aber ganz anders, nämlich ohne es zu merken, eingeschläfert von Gewohnheiten und Fantasielosigkeit und diesem „Es ist doch immer gut gegangen“, und wir sind mittlerweile unfähig wirklich mitzukriegen, dass wir gerade jetzt unseren Planeten für alle Zeiten ruinieren.

Die Elterngeneration, zu der ich gehöre, lebt meist ja schon lange genug, um Mitschuld an dieser Situation zu haben. Wir werden irgendwann individuell Rechenschaft darüber ablegen müssen, was wir warum getan haben – oder nicht getan haben.


Ich - wir! müssen zu allererst aufhören, und zwar JETZT, uns mit der Scheinnormalität abzufinden und alles einfach hinzunehmen:

Nehmt es nicht hin, dass politische Strategien offenbar tolerierbar sind, obwohl sie zur Folge haben, dass Tausende Menschen NOCH länger das Elend in Moria ertragen müssen.

Was wir brauchen, ist doch sowieso eine völlig andere Dimension von Solidarität und Menschlichkeit. Denn wenn die Klimakatastrophe weiter fortschreitet, und das wird sie, werden wir, die privilegierten Menschen aus den privilegierteren Ländern, nicht hundert oder tausend, sondern vielen Millionen heimatlosen Menschen helfen. Das ist unsere Verantwortung als zivilisierte Spezies und als Hauptverursacher der Klimakatastrophe.

Nehmt es nicht einfach hin, dass Politiker*innen plötzlich den Ernst des Klimawandels erkannt haben wollen, und „Klimaschutz“ in Titel und Überschriften schreiben, so lange dieser sogenannte Klimaschutz ein Mittel ist, um die Wirtschaft anzukurbeln und Deutschlands „Vorreiterrolle“ in der Welt auszubauen. Lest zumindest auch das Kleingedruckte oder fragt, was LobbyControl oder das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung dazu zu sagen haben.

Nehmt es nicht hin, dass immer mehr Produkte – oder gar Autos – jetzt anscheinend „nachhaltig“ sind. Es gibt nur ein einziges echtes „nachhaltig“ und das heißt: Insgesamt verbrauchen und emittieren alle Dinge zusammen – gerechnet vom Rohstoff zur Entsorgung – nur das, was die Erde von selbst wieder ausgleichen kann.

Im Falle der Kapazität, Treibhausgas-Emissionen aufzunehmen, gibt es eine allerletzte rote Linie, sie heißt CO2 Budget. Wenn wir die Erwärmung auf 1,5-Grad begrenzen wollen, bleibt für Deutschland – für alle Zeiten – ein Mini-Budget von maximal etwa sechs Milliarden Tonnen CO2. Wenn wir weiter emittieren wie bisher, reicht dieses Budget 7,5 Jahre. Dann ist es bei null. Wir sollten uns fragen, ob wir das wirklich für motorisierten Individualverkehr, und sei er noch so smart, auf den Kopf hauen wollen.

Nehmt es nicht hin, dass die schrecklichen Bilder von sterbenden Eisbären den Eindruck erwecken, das Sterben der Arten findet irgendwo ganz weit weg statt.

Es ist furchtbar traurig, dass Eisbären aussterben, aber das eigentliche Problem ist viel größer, weckt nur nicht so viele Emotionen: In Nordwestdeutschland etwa hat seit den 90er-Jahren die „Biomasse der Fluginsekten“ zwischen 76 bis 81 Prozent abgenommen. Waren früher zehn Insekten in der Luft, sind es jetzt nur noch zwei. Weniger Insekten bedeutet schon längst viel weniger Vögel, um nur ein Beispiel zu nennen. All die fein austarierten Ökosysteme geraten aus den Fugen.

Wenn wir nicht schnell eine andere, nachhaltige Landnutzung erreichen, dann ist der Mensch, als Teil dieser Ökosysteme, ebenfalls bald auf der roten Liste.

Nehmt nicht hin, dass uns eingeredet wird, wir hätten als Konsument*innen die Macht und die Verantwortung, alle Probleme zu lösen, indem wir bio-fair-plastikfrei-vegan einkaufen.

Es ist wichtig, auf Fleisch und Fliegen und FastFashion zu verzichten – aber das reicht nicht. Wir könnten als Einzelne mit „verantwortungsvollen Konsumentscheidungen“ unsere Tage und Nächte füllen, aber dennoch nicht so viel richtig machen, wie wir müssten, um DIESE Katastrophen zu verhindern.

Ihr habt es sicher mitbekommen: Das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung verursacht mehr als doppelt so viele Emissionen wie die ärmere Hälfte der Welt – und dieses eine Prozent wird sich voraussichtlich nicht anstrengen, die Regeln zu ändern.


Und deshalb:

Wir müssen raus aus dem Zombie-Modus, wir müssen uns und den anderen immer wieder klarmachen: die Scheinnormalität ist NICHT die Realität! Wir müssen anfangen, die Realität WIRKLICH zur Kenntnis zu nehmen, zur Kenntnis nehmen, dass die Welt brennt, dass wir dabei sind, unsere Art auszurotten und zivilisatorische Basics zu verraten.
Diese Realität ist ein Notfall, ein nie dagewesener Notfall, ein existenzieller Notfall.

This is an Emergency.

Und weil das so schwierig und schmerzhaft und eigentlich unzumutbar ist, müssen wir Inseln schaffen, in denen wir uns gegenseitig darin stärken, die Fakten der Wissenschaftler*innen und die REALITÄT zuzulassen und nach ihr zu leben und zu handeln. Und davon ausgehend können wir andere damit konfrontieren und sie auffordern, sich der Realität ebenfalls zu stellen – erst dann können wir den erforderlichen Wandel schaffen.

Solche Inseln der gegenseitigen Unterstützung haben die Fridays mit ihren Demos AUCH geschaffen: Gelegenheiten, bei denen sich diejenigen gemeinsam stärken, die verstanden haben, dass ihre Zukunft und ihr Leben gerade für ein bisschen Weiter-so und ein bisschen mehr Profit für wenige verheizt werden. Und die uns zu Recht ihr „How Dare You?“ um die Ohren hauen.

Wir alle hier, die wir nicht mehr im Fridays-Alter sind, sollten uns diese Frage immer wieder stellen: How dare you? Wie können wir es wagen.


Ich bin mit dieser Frage bei XR gelandet, der Rebellion gegen das Aussterben.

Die Forderungen von XR sind:

  • Die Wahrheit sagen und von Regierungen einfordern,
  • sofortiges Handeln einfordern,
  • Demokratie mit Bürger*innenversammlungen im Sinne des Überlebens stärken.

Das sind für mich Ansätze, um mich und andere aus dem Zombie-Zustand zu befreien. Und friedlicher ziviler Ungehorsam gehört auch dazu, denn offensichtlich helfen Argumente, Wissenschaft und Studien nicht, um die Regierungen auf Realitäts- und Überlebenskurs zu bringen.

Mit dem XR-Motto „Hope Dies, Action begins“ möchte ich euch – und damit meine ich AUCH und GERADE euch Ältere – ein paar Anregungen geben, wie ihr jetzt handeln könnt, mit kleinen und größeren Schritten, aber sichtbar und hörbar, widerständig und friedlich.

  • sucht andere Nicht-mehr-Zombies bei der Arbeit, in der Schule, und fordert gemeinsam Dienstfahrräder und Bahncards statt Dienstautos, verlangt nach veganen Kantinen-Menüs statt Dauer-Currywurst;
  • nehmt in eurem Bekannten- und Kolleg*innenkreis nichts mehr einfach hin, nervt mit der Frage, wie zukunftskompatibel Verhalten, Projekte, Produkte oder Entscheidungen sind;
  • prangert immer und überall die Selbstverständlichkeit von Flügen an;
  • schreibt euren Bundestagsabgeordneten, dass ihr nicht einverstanden seid;
  • schließt euch der Klimagerechtigkeitsbewegung in Hannover an – egal welcher Gruppe, ich zähle natürlich auch Gruppen wie die „Seebrücke“ dazu;
  • stärkt die Kräfte in Hannover, die eine autofreie Innenstadt wollen;
  • wechselt sofort eure Bank und euren Stromversorger;
  • lest ein gutes Buch über unsere Geschichte, über Kolonialismus, Imperialismus, Nationalsozialismus und gebt es weiter;
  • geht Auf die Plätze gegen Nazis jeder Art;
  • zeigt Solidarität mit Geflüchteten und sozial Schwachen, etwa in Covid-Nachbarschaftshilfen;
  • unterstützt die Black Lifes Matter Bewegung;
  • beteiligt euch an Mahnwachen und Klimacamps;
  • engagiert euch für den Erhalt der Dörfer, die der völlig sinnlosen Tagebauerweiterung von Garzweiler II zum Opfer fallen sollen;
  • organisiert mit Ende Gelände den Kohleausstieg in Handarbeit – an diesem Wochenende zum Beispiel im Rheinland;
  • kämpft gegen die irrsinnige Abholzung des Dannenröder Forsts in Hessen, die voraussichtlich morgen mit der Räumung der Camps im Wald beginnt;
  • rebelliert mit XR in Berlin ab dem 5. Oktober

Aber sagt euren Kindern in fünf oder zehn Jahren nicht, ihr hättet nichts gewusst – und ja auch sowieso gar nichts tun können.