Anna-Lena: "Vier Minuten zur Rebellion"

Rebellion bietet für mich Platz für Gedanken wie "ich weiß genau, was sich ändern muss“ bis hin zu "keine Ahnung was, aber so kann es nicht bleiben.“

Ich bin Synästhetikerin, das heißt Zahlen, Buchstaben, Worte und Klänge haben in meinem Kopf Farben. „Rebellion“ ist ein erdiges, warmes, kraftvolles Rot. Trotz all der Wärme signalisiert sie eine Dringlichkeit, eine Notwendigkeit.

Rebellion ist für mich wie eine Welle, eine Bewegung, die sich groß macht, gegen Bestehendes drückt, immer lauter wird, bis das Bestehende kippt und/oder Teil der Welle wird. Es kommt dann irgendwann zu einer Zeit der Ruhe und der Verstetigung, doch nur damit sich die nächste Welle aufbäumen kann.

Rebellion ist ein Zustand der Unsicherheit – eine Unsicherheit, die ich gelernt habe zu genießen, weil sie Platz macht, Luft schafft, kreativ werden lässt. Rebellion bietet für mich Platz für Gedanken wie „ich weiß genau, was sich ändern muss“ bis hin zu „keine Ahnung was, aber so kann es nicht bleiben.“ Für mich ist Rebellion eine Rebellion, weil sie ganz entgegengesetzt zu unseren aufklärerischen Denk- und Tatenmustern manchmal eben noch nicht weiß, was hinten bei rauskommt. Der vietnamesisch-amerikanische Autor, Ocean Vuong, hat über queere Liebende gesagt „we are failing forward“ – I think rebellions do that, too.

Eine Rebellion ist für mich eine Rebellion, weil sie den Fokus vom Individuum löst und das Kollektiv braucht.

Meine inneren, kleinen Rebellionen sind es, die mich auf die Straße, in die Blockaden, in den Klammer-Tragegriff der Polizist*innen bringen. Und es sind die großen Rebellionen draußen, die mich in Bewegung versetzen. Die Ereignisse im Außen führen nicht selten zu inneren Reibungen: Die Euphorie, mit 3.000 Menschen drei Tage lang die Siegessäule in Berlin zu blockieren, wechselt sich ab mit Gefühlen von bedrängt werden (durch Polizeipräsenz), Erschöpfung nach Tagen auf der Straße und auf Brücken, und Scham, denn ungehorsam sein, das gehört sich ja eigentlich nicht, und hoffentlich kriegt Oma keinen Wind davon.

Diese eher lähmenden Gefühle gehören genauso dazu wie die Trauer beim Anblick des abgestorbenen Harzer Nationalparks, genauso wie die Angst beim Durchfahren noch brennender Waldbrandgebiete in Kalifornien, genauso wie die Wut über Julia Klöckners Aussage Mischwälder „umbauen“ zu wollen. Man fragt sich.

Zu einer Rebellion gehören für mich neben all diesen Gefühlen ganz konkrete Taten, sowie kritischer Austausch mit anderen, Fehlertoleranz, Kreativität, Ernsthaftigkeit, Mut, Kraft und Humor.

Rebellionen hat es zum Glück schon immer gegeben, und es sind die rebellischen Suffragetten, die tanzenden Flapper, die mutigen Frauen* der 68er, die ungehorsame Umweltbewegung der 70er, 80er und 90er, an deren Wellen ich meine andocke – mit anderen Schwerpunkten und Themen, aber immer in tiefer, roter Verbundenheit.

Input bei der Disruption!-Auftaktveranstaltung "Revolte – Rebellion – Revolution: Wie kann die Gesellschaft verändert werden? im Pavillon, 19. Februar 2020.

Video-Aufzeichnung der Veranstaltung

Mehr