Blockieren, Rebellieren, Stören

– Extinction Rebellion im gewaltfreien Kampf um das Überleben

von Vanessa Bokelmann,
in:
VONWEGEN-Magazin (2020), Nr. 24, S. 28-33.

Rebellion Wave in Berlin. Menschen ketten sich freiwillig an Ministerien, verharren friedlich stundenlang in Sitzblockaden auf Straßen. Mit Bannern in der Hand und Fahnen in der Luft wird gesungen, gelacht und gewartet bis die Politik sich äußert oder die Polizei räumt. Als Teil der Ortsgruppe Göttingen von der Klimagerechtigkeits-bewegung Extinction Rebellion (XR) durfte ich mit nach Berlin reisen, um mit bis zu tausend Aktivist*innen mehrere Tage lang mit spektakulären Aktionen auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Bunt, laut und gewaltfrei.

Extinction wer? Ich kenne nur Fridays for Future.

Die noch junge Umweltbewegung made in Great Britain, versteht sich selbst als eine Rebellion gegen die menschengemachte Klimakrise, die das Aussterben von Lebensgrundlagen, Tieren, Pflanzen, sowie der Menschheit zur Folge hat. Der Unterschied zu bereits bekannten Bewegungen in diesem Kontext ist die Protestform des Zivilen Ungehorsams, die sich mehrfach in der Vergangenheit als bewährtes Mittel für Systemveränderungen unter Beweis stellte. Hierfür wandern die selbsternannten Rebell*innen zwischen den Sphären der Legalität und der noch vertretbaren Illegalität. Schnell wird mir klar, woher diese Bereitschaft und diese starke Entschlossenheit und Konsequenz kommen. Ein XR Aktivist aus Göttingen namens Johannes, gibt zu:

„Ich habe die letzten Jahre die Klimapolitik sehr genau verfolgt und mich auch informiert, was die letzten 30, 40 Jahre passiert ist und das löst in mir eigentlich unter'm Strich vor allem Verzweiflung aus.“

„Das Thema ist viel zu schlimm, da kann mich nicht einfach nett fragen.“, erklärt mir eine andere Aktivistin. Eine Masse aus Schildern und Bannern erschlägt einen förmlich mit der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit dieses Protests: „Ich bin hier aus ANGST um unsere ZUKUNFT.“, „There is no Planet B!“ oder „Naturzerstörung = Massensterben“. Diese Worte hinterlassen Eindruck.

„Wir sind hier für eure Kinder!“

Verzweiflung, Ungewissen, Zukunftsängste sind wiederkehrende Topoi, die die Motivation der protestierenden Menschen ausmacht und die Rebellion antreibt. Denn Fakt ist, dass, wenn wir weiter so wirtschaften, weiter so konsumieren, bis 2025 nicht CO2 neutral werden, die Erderwärmung steigt. Wenn wir diese nicht rasant eindämmen, steuern wir laut der Akademie der Wissenschaften auf einen „ökologischen und zivilisatorischen Systemkollaps“ zu. Meldungen von Hurricanes, Waldbränden, Waldsterben, Dürren, Überschwemmungen, Artensterben häufen sich. Das sind keine tragischen Phänomene, die nur einzelne Landstriche betreffen. Es ist eine Konsequenz aus einer komplexen gesamtglobalen Vernetzung, einer Verkettung, die wir mit unseren Entscheidungen anfeuern und die auf uns zurückfeuern wird. Ja, auch wir in Europa sind betroffen.

Die Corona Pandemie hat uns gezeigt, wie es aussieht, wenn man schnell, großflächig und auf wissenschaftlicher Basis handelt. Warum nicht dieses entschlossene Handeln auf die Klimakatastrophe projizieren? Warum wird sie in der Gesellschaft nicht für diese akute Bedrohung wahrgenommen, die Wissenschaftler*innen bereits seit 40 Jahren prophezeien?

#MitDerWissenschaft

Unter diesem Motto stand die diesjährige Rebellion Wave, eine Woche des stark symbolträchtigen Aktivismus, der stören will - nein, der stören muss, der nerven muss, um einen Dialog in den Medien und in der Öffentlichkeit zu öffnen und eine Reaktion von Entscheidungsträger*innen auf wissenschaftlicher Basis zu erzwingen. Komplett durchorganisiert und auf strenge Geheimhaltung bedacht, bewegten wir uns in verschiedenen Gruppen aus ganz Deutschland in Nacht- und Nebelaktionen durch Berlin. Während wir am Montag um 6 Uhr morgens auf das Verkehrsministerium zugesteuerten, erreichte uns die Meldung, dass das Landwirtschaftsministerium bereits erfolgreich von Aktivist*innen in Tierkostümen und mit einem Tiertransporter im Gepäck blockiert wurde. Euphorie, Spannung und auch bisschen Furcht begleitete mich auf unserer Mission. Die Stimmung in der Gruppe war angespannt, aber auch freudige Erregung machte sich breit.

Leider schafften wir es noch nicht mal bis zum Gebäude. Davor hatte uns die Polizei bereits abgefangen. Dafür hatten drei andere Gruppen das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gewonnen und drei Seiteneingänge für sich erobert. Mit zahlreicher Unterstützung von anderen Aktivist*innen konnten zwei Blockaden zwölf Stunden lang aufrechterhalten werden, bis die Polizei die an den Eingängen des Ministeriums geklebten oder mit massiven Ketten und Fahrradschlössern angeketteten Personen befreite. Die Grüppchen, die sich zwar nicht festgemacht hatten, aber trotz vermehrter Aufforderung sitzen geblieben waren, wurden nach einer gefühlten Ewigkeit des Verharrens weggetragen. Mit viel Energie gesellten sich sehr unterschiedliche Menschen – Studierende, Berufstätige, Eltern mit Kindern, zum Teil auch in schrillen Kostümen - aus der parallel laufenden und angemeldeten Demo unter dem Motto „Zug der toten Bäume“ zu den Eingängen. Wir tanzten, wir sangen und bekundeten unsere Solidarität mit den Aktivist*innen in der Blockade – natürlich mit Masken. Eine zentrale Botschaft richtete sich an die Menschen im Ministerium: Wir sind hier und wir gehen freiwillig nicht mehr weg. Wir fordern unter anderem eine nachhaltige Verkehrswende, die unseren Klimazielen nicht einen Strich durch die Rechnung macht.

„Die Sonne geht auf, die Lobby geht unter“ (XR)

Am Dienstag unterstützten wir mit einer Straßenblockade vor dem „Haus der Wirtschaft“ in Berlin-Charlottenburg 30 Aktivist*innen, die die Büroräume des Bundesverbandes Braunkohle (DEBRIV) besetzt hatten. Akten flogen aus dem Fenster und lose Blätter regneten auf uns hinab. Ein Zeichen gegen die Machtstellung der Kohlelobby, die politische Entscheidungen zu ihren Gunsten und gegen die Umwelt beeinflusst. Die Schlüssel für die Schlösser sollten mit der Einladung zu einem Gespräch mit XR an die CDU und SPD übergeben werden. Die Parteien lehnten ab.

Am gleichen Tag geriet auch noch das Wirtschaftsministerium in das Visier der Klimaaktivist*innen. Mittwoch mussten die Politiker*innen im Regierungsviertel quasi nachsitzen, bis die Straßen und Brücken, die zum Bundestag führen, geräumt wurden. Donnerstag ging es dem Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie für die Verhinderung von nachhaltigem Klimaschutz an den Kragen. Abends stand die brasilianische Botschaft in einer Kunstperformance ‚in Flammen‘ – so wie der Amazonas. Und so ging es immer weiter. Eine gefühlt endlose Aufzählung von Blockaden, von Störungen und kreativem Protest - als Bäume, Pilze und Tiere verkleidetet, in Farben der Ozeane, mit Theaterinszenierungen und Musikinstrumenten. Zoomt man aus den einzelnen Aktionen raus, ergibt es ein bekanntes morbides Kunstwerk: Es geht nicht nur darum, dass die A49 verhindert wird oder dass der Meeresspiegel nicht weiter ansteigen soll. Ja, das wollen wir, aber vor allem soll ein strukturelles Problem beseitigt werden, das gegen die Umwelt und somit gegen uns arbeitet.

„Wir führen momentan ein Experiment mit unserem Planeten durch.“

Um dem entgegen zu wirken, schlägt XR eine Lösungsstrategie vor, die darin besteht, dass zunächst der Klimanotstand ausgerufen und das Ziel der Klimaneutralität bis 2025 in Angriff genommen werden soll. Dieses Unterfangen könne nur mit einer Art vertiefenden Demokratie umgesetzt werden, erklärt Johannes. Er führt weiter aus:

„Da schlägt Extinction Rebellion als Mittel der Wahl Bürger*innenversammlungen vor, das heißt, zufällig zusammengesetzte Versammlungen, die eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung darstellen, die über einen längeren Zeitraum von Expertinnen und Experten beraten werden und dann eben einen Plan beschließen, der das Ziel Klimaneutralität 2025 erfüllen könnte.“

Denn hierbei seien persönliche Interessen wie die Wiederwahl von Politiker*innen oder der Einfluss von Lobbyverbänden kein maßgebender Faktor für die Entscheidungsfindung. Der gewünschte Querschnitt der Gesellschaft solle eine größere Akzeptanz der Beschlüsse innerhalb der Bevölkerung erreichen. Klar wird, dass XR mit den Parolen auf starke Reflexion des Systems auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene setzt und eine tiefgreifende Veränderung auf eher unkonventionelle Art und Weise fordert und mitgestalten will.

Es beeindruckt mich, mit welcher Opferbereitschaft und Stärke sich Menschen so gegen das Artensterben einsetzen, dass sie (zusätzlich zum legalen Protest) sogar so lange wie möglich mit dem Hals, Beinen und Händen anketten oder ankleben, bis sie von der Polizei befreit und im schlimmsten Fall mit Schmerzgriffen vom Platz entfernt werden. Auch wenn die Stimmung größtenteils ausgelassen ist und durchgängig ein Gefühl der solidarischen Gemeinschaft herrscht, hinterlässt die Rebellion ihre Spuren bei den Menschen. Der friedvolle Kampf für das Klima ist bis auf das Äußerste Nerven aufreibend, hart, erschöpfend, aber trotz der Intensität oberste Priorität. Auch wenn die Rebellion Wave in Berlin 2020 zu Ende ist: Die Rebellion geht mit friedlichen Gesetzesüberschreitungen so lange weiter bis die Politik oder die Erde uns stoppt. Wer dies zuerst schafft, liegt in unserer Verantwortung.