Mit Vollgas in die Krise

Seit letztem Montag lässt die DEGES in Nordhessen im Maulbacher und im Herrenwald roden. Die drei Harvester werden von unzähligen Polizeiwagen, einem Gefangenentransporter und einem Hubschraubern unterstützt. Damit wird in Deutschland genau dasselbe gemacht, wie es auch im Amazonas passiert: ein unwiederbringlicher Schaden an intakten Ökosystemen und an funktionierenden CO2-Senken hervorgerufen. Gegen diese Vernichtung unserer Lebensgrundlagen lenkt der Protest am Freitag den Blick auf diejenigen in unserer Gesellschaft, die dafür verantwortlich ist. Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH wurde ins Leben gerufen, um nach der Wende noch schneller Autobahnen zu bauen. Sie ist es, die die klimaschädlichen Straßenverkehrsprojekte des Bundes und der Länder umsetzt.

Um 9:00 Uhr wird die DEGES blockiert. Auf der Straße wird ein Baum aufgestellt und Lock-Ons bilden eine Kette über die Straße. Vom Eingangsdach wird ein Banner herabgelassen, Glue-Ons blockieren den Haupteingang. Vor dem Eingang positionieren sich mehrere mutige Rebell:innen, um mit nacktem Oberkörper die mediale Aufmerksamkeit auf die Forderung zu lenken: Beendet die Zerstörung intakter Wälder! Stoppt den Weiterbau der A49!

Gegenüber sitzt auch der Axel Springer Verlag, es kommt zu einem Schlagabtausch mit einem Chefredakteur der Welt. Gegen 09:07 Uhr tauchen Polizist:innen ohne Bezifferung auf, um 09:52 Uhr wird die Aktion von der Polizei als Versammlung gewertet. Die Stimmung bleibt gelassen und gegen 10:10 verlassen auch die kälteresistentesten Rebell:innen wieder ihren Platz vor dem Eingang. "Das sich die Fridays Sorgen um ihre Zukunft machen, verstehe ich", räumt eine von mehreren DEGES-Mitarbeiter:innen ein bei einem Gespräch vor einem Nebeneingang ein.

"Trinkwasserverschmutzungen bedrohen uns alle. Die Zeit darauf zu warten, dass die Regierung unsere Lebensgrundlage sichert ist vorbei. Die Zeit zu handeln ist Jetzt."

Biologin Susanne Edington, XR Dortmund

In mehreren Reden erläutern Rebell:innen die Zusammenhänge rund um den Lückenschluss der A49. Nach Jahrzehnten erfolgloser Trassensuche bedroht die aktuelle Planung nun nicht nur wertvolle Wälder, sondern auch ein Trinkwasserreservoir des Rhein-Main-Gebiets. Bisherige in Frage kommende Anrainergemeinden, allen voran Marburg, zu der der Lückenschluss geographisch am logischsten erfolgt wäre, konnten sich erfolgreich wehren. Seit einem Jahr besetzen Aktivist:innen mit Baumhäusern den Dannenröder Wald, um auch auf eine gescheiterte Verkehrswende hinzuweisen. Gegen 10:30 Uhr wird ein brennender Wald mit Rauchfackeln inszeniert.

Um 10:46 Uhr wird die Versammlung auf die Straße eingeschränkt, was die Glue-Ons am Haupteingang der DEGES ausschließt. Niko Froitzheim, Geologieprofessor an der Uni Bonn ruft in einer emotionalen Rede aufgrund des jahrelangen tatenlosen Zuschauens und den bislang erfolglosen Versuchen, die drohende Klimakatastrophe aufzuhalten, zu neuen Formen des zivilen Ungehorsams auf: "Emissionen sind immer stärker geworden. Wir haben es versäumt, dagegen etwas Ernsthaftes zu tun! Aufklärung durch die Wissenschaft wird seit 40 Jahren betrieben. Diese Aufklärung hat nicht geholfen. Stattdessen ist immer mehr emittiert worden, weil sich Firmen und Lobbyverbände dagegen gestemmt haben. Deswegen greifen wir jetzt zu friedlichem und zivilem Ungehorsam! Ob das funktioniert wissen wir nicht, aber wir probieren es aus, denn die anderen Mittel haben nicht funktioniert! Ich bewundere die Menschen, die hier richtig harte Sachen machen, Lock-Ons und Glue-Ons. Mit welcher Selbstverständlichkeit ihr euch einsetzt. Extinction Rebellion bedeutet für mich Hoffnung und Mut. Hoffnung, dass wir noch etwas reißen können und Mut, dass wir uns dafür einsetzen, obwohl uns persönliche Nachteile daraus erwachsen." 

"Meine Generation hätte verhindern können, dass durch die maßlose Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas das Klima auf der Erde jetzt auf die Kippe steht. Über die Hälfte des überschüssigen CO2 in der Atmosphäre ist in den letzten dreißig Jahren emittiert worden!"

Niko Froitzheim, Geologieprofessor

Gegen 11:10 Uhr kommt die erste, um 11:20 Uhr die letzte Durchsage der Polizei, dass alle Personen auf dem Bürgersteig, insbesondere vor dem Haupteingang der DEGES jetzt geräumt werden. Bis 11:40 Uhr sind alle angeklebten Rebell:innen geräumt. Im Nachgang säubern Rebell:innen die Scheiben wieder von Kleberückständen.

"Die Klimapolitik der Parlamente führt seit Jahrzehnten nicht annähernd zu einem ausreichenden Ergebnis. Statt weiter zu machen wie bisher, sollten wir in dieser Frage alle Teile unserer Bevölkerung mitnehmen und unsere Demokratie stärken."

Florian Zander, Bodenkundler und Geowissenschaftler

Um die Klimakrise zu bewältigen, fordert Extinction Rebellion auch mehr Demokratie. In einer Bürger:innenversammlung soll ein repräsentativer Schnitt der Bevölkerung mit der Unterstützung von Expert:innen Lösungen für die Klimakrise erarbeiten. Die Zeit in der Blockade wird für eine Trockenübung in Form einer Rebell:innenversammlung genutzt, um während des Abschluss der Rebellion Wave am Freitag gemeinsam in einem größeren Kreis von Aktiven zu reflektieren. Als gegen 13:20 Uhr eine Essenslieferung eintrifft, sind bereits alle Bezugsgruppen fleißig am diskutieren und Feedback auf Karteikärtchen sammeln.

Gegen 16:20 Uhr entscheidet das Deligierten-Plenum, die Blockade langsam aufzulösen und an der Admiralsbrücke einen nicht-disruptiven Abschluss für die Rebellion Wave zu finden.